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Über das metaphysische Bedürfnis in Zeiten der Pandemie und davor (Teil I/II)

Angeregt von offenkundigen Denkfehlern erst der Crash-Propheten, aber natürlich auch schon immer allgemein von Privatanlegern und nun – aufgedeckt durch die Pandemie – sogar eines beachtlichen Teils der deutschen Bevölkerung widmen wir uns heute nochmals dem Thema Schwurbelei und Erkenntnisgewinnung. Wir werden sehen, dass Crash-Propheten und Querdenker nahe beieinanderliegen.

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Natürlich ist das alles nicht unser Kernthema, worüber in vereinzelten Zuschriften auch gerne mal Unmut geäußert wird. Wir sind keine Virologen, wir sind keine Finanzwissenschaftler, wir sind keine Philosophen. Wir sind ein Finanzblog im Allgemeinen und wir schreiben mit Fokus auf die Wertpapieranlage im Gesellschaftsmantel im Besonderen. Dennoch: der Überschwang an Irrationalität in Entscheidungssituationen irritiert uns und regt uns an, sich mit systematischen Fehlbeurteilungen wesentlich stärker zu beschäftigen. Und das ist natürlich dann wiederum doch wieder relevant für die Geldanlage. Denn kognitive Verzerrungen und Fehlbeurteilungen kosten Rendite.

Da das Thema als Ganzes etwas schwer zu greifen ist, haben wir das auch in einer ganzen Reihe von Artikeln ein Stück weit aufbereitet. Zu Corona aus verschiedenster Perspektive und auch zu dem Crash-Prophetentum haben wir bereits eine ganze Reihe Artikel verfasst. Jeder kann sich gerne selbst einmal vorab ein Bild machen:

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Aus dem März 2020 zum Corona-Crash:

Und ein Jahr später im Rückblick:

Gerade also ist Weihnachten vorbei, das Fest der Liebe und der Zusammenkunft der Liebsten… und dieses einen Onkels oder dieser einen Tante, von denen anscheinend jeder mindestens einmal einen in der Familie hat und die am laufenden Band im Brustton der Überzeugung unbelegte Behauptungen zur aktuellen Situation herausposaunen. In einer unbewussten oder bewussten provokativen Art, deren Frechheit – zumal unter Verwandten, d.h. eigentlich Vertrauten – ihresgleichen sucht. Von gentechnischen Impfstoffen, über kleine weltbeherrschende Eliten über „die“ Pharmabranche und das Gesundheitssystem, das nur existiert, um das Volk krank zu halten, den „Völkermord“ durch Impfungen, bis hin zur Aussage, dass es Viren an sich schon gar nicht gibt, ist heutzutage offenbar alles dabei und alles sagbar, ohne dabei rot zu werden. Mag das in „normalen“ Zeiten noch als systemisch eher unproblematische Spinnerei von intellektuell anspruchslosen Eigenbrötlern abzutun sein, bekommt es eine systemische Relevanz in Zeiten, in denen die Wahrheit und die gesellschaftliche Einigung auf die gemeinsame Wirklichkeit in besonderem Maße herausgefordert werden.

Die Masse ist in ihren Auffassungen unstet und wetterwendisch, für ihre Fehlleistungen macht sie andere verantwortlich, vor allem die Politiker, mitunter Wahrsager. So sind vernünftige Beschlüsse nicht zu erwarten, wenn das Volk den Entscheidungsprozess beherrscht und die Politiker in Furcht vor ihm leben. Da dies aber oft genug der Fall ist, geben nicht sachgerechte Kriterien immer wieder den Ausschlag.

Hartmut Leppin in: Thukydides und die Verfassung der Polis, S. 124

Da der Wahrheitsbegriff in einem rein objektiven Verständnis immer schwierig ist, würden wir den Begriff für Zwecke dieses Artikels im Sinne dessen definieren, worauf sich die Mehrheit der Gesellschaft unter Gebrauch seiner Verstandeskraft festzulegen in der Lage sein sollte. So verbleibt etwas Subjektivität, für den einen ist die Sonne grellgelb, für den anderen blendend gelb, aber im Grunde ist sie allgemein anerkannt irgendwo im Bereich von gelb. Wobei Farbbeispiele immer schon auch ein gefährliches Terrain sind, wenn man beispielsweise die Frage stellt, ob das Kleid blau oder grün ist.

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Es hat gerade einmal 4 Wochen gedauert von der Eskalation der Corona-Krise in Europa (also die Fälle in Bergamo und der Börsenabsturz), bis sich die ersten Protestbewegungen in Deutschland mobilisiert haben. Genauer gesagt, hat es etwas über zwei Wochen gedauert, bis der Staat in Ausübung seines Ermessensspielraums (so jedenfalls das Bundesverfassungsgericht zur Bundesnotbremse) historisch beispiellose Grundrechtseinschränkungen im Interesse der Aufrechterhaltung der Stabilität im Gesundheitssystem durchsetzte, bis sich Widerstand gegen die Einschränkungen organisierte.

Dummheit ist vor allem mal zum einen diese unhinterfragbare Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein, und zwar ohne Zweifel. Damit geht auch die anmaßende Position einher, zu allem eine bedenkenswerte Meinung beziehen zu können, ohne sich über das Thema gründlich zu informieren. Der Glaube, eh genug zu wissen, nur wenn man einmal irgendwo etwas gehört hat, und daraus eine Position beziehen zu können, das ist Faulheit oder Indolenz. Man bemüht sich nicht um ordentliche Entscheidungsgrundlagen und folgt seinem Bedürfnis, mit einem Schild herumzurennen, ohne seine Position zu überdenken oder sich für seine eigene Position verantwortlich zu fühlen, weil diese Verantwortung in der Gruppe diffundiert. Wenn alle dasselbe schreien, kann ich das getrost mitschreien und brauche mir nicht zu überlegen, was ich da eigentlich schreie. Dummheit ist aber auch eine völlig fehlverstandene Toleranz, die meint, man müsse alles gelten lassen. Das muss man nicht. Man muss auch nicht jede Meinung wertschätzen. Alles verstehen bedeutet bekanntlich, alles zu verzeihen – was W. S. Maugham als Mentalität des Teufels bezeichnet hat. Man muss sich positionieren und überlegen, warum man sich positioniert. Es reicht nicht zu sagen, dass das viele andere auch machen.

Psychiaterin Heidi Kastner: „Man muss nicht jede Meinung wertschätzen“, derstandard.at, 28.12.2021

Nun sind wir wahrlich die letzten, die sich berechtigte Kritik am Staat verbitten würden. Allerdings unterscheiden sich die Ausgangssituationen. Wir sehen uns in der historischen Tradition von Demokratie, Zivilgesellschaft und Aufklärung. Auf der Basis einer guten Begründung und auf der Basis von Fakten, auf die sich der allergrößte Teil der Gesellschaft einigen kann, darf man z.B. den Staat sicherlich mit gutem Recht auch kritisieren.

Sieht man sich die neuformierten Protestbewegungen einmal an, so mögen diese zugegeben äußerst inhomogen sein. Es eint aber in der Regel ein Kern, und der besteht letztlich in der Ablehnung staatlicher Einflussnahme auf das eigene Leben, was sich dann wiederum ausdifferenziert in Antidemokraten, Anarchisten, Systemkritiker, Steinzeitkommunisten, Nationalisten etc.. Das wäre an sich nicht dramatisch, würde sich diese Ablehnung nicht speisen aus Desinformationen, Falschinformation und unaufgeklärtem Verhalten, im Ergebnis also aus einem eklatanten Mangel an Medienkompetenz und Urteilskraft. Ein altes ungebräuchliches Wort hat es in kürzester Zeit in die Hitliste wiederentdeckter Worte geschafft: das Schwurbeln. Die Schwurbelei. Gemeint ist die Argumentation aus einem oft geschlossenen Alternativweltbild heraus, das ohne faktische Verankerung in der Lebenswirklichkeit des weit überwiegenden Teils der Gesellschaft ist.

Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt.

Immanuel Kant, in: Kritik der reinen Vernunft

Wir brauchen an dieser Stelle nicht im Einzelnen einzugehen auf die zahlreichen Fehlvorstellungen und Fehlurteile von Impfgegnern, (Ver-)Querdenkern, Esoterikern, Anthroposophen und so weiter. Wir haben die massive Irritation über das massive Ausmaß der Schwurbelei allerdings als Anstoß genommen, uns näher damit zu beschäftigen, warum das so ist. Zeiten der Krise sind ideale Zeiten der Aufarbeitung.

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Der SPD-Politiker reagierte jüngst auf Twitter auf einen Beitrag von Florian Krammer, einem Professor für Impfstoffkunde. Dieser betonte: „Kann man bitte aufhören den Impfstoff von Novavax als Totimpfstoff zu bezeichnen? Es ist ein rekombinanter Proteinimpfstoff.“
Lauterbach schrieb dazu: „Stimmt zwar. Aber weil so viele Ungeimpfte nur Totimpfstoff wollen, warum auch immer, wird bald erhältliches Novavax als solcher bezeichnet.“

Corona-Vakzin von Novavax kein Totimpfstoff, fr.de, 29.12.2021

Woher kommt der Aufschwung des Schwurbelns? Des Irrationalen? Der Lust am Unwahren, Unwirklichen, die Lust am absichtlichen Desinformiertsein? Kam das erst mit Corona? Gabs das schon früher? In dieser Massivität? Warum haben wir offenbar etwa 15 bis 20 Prozent im Land, die sich überwiegend aufführen wie bockige Kinder? Ist das der linke Rand der Normalverteilung, und damit … normal? Und auch hier: ist das neu? Oder nur medial stärker wahrnehmbar aufgrund der Verbreitung des Internets und von Massenmedien (und deren Lust an Sensation)?

Und da sind wir auf gemeinsame Grundzüge zu der Vor-Corona-Phase gestoßen. Wohl erstmals in Deutschland stärker manifestierte sich die gruppenmäßig organisierte Irrationalität – und das war uns schon gar nicht mehr so präsent – ab Februar 2014 mit den Friedensmahnwachen im Kontext der Ukraine-Krise. In diesem Zusammenhang sei auch auf die hörenswerte Podcast-Reihe „Cui bono? What the fuck happened to Ken Jebsen?“ verwiesen.

Ganz offensichtlich spielt eine Rolle, dass das Internet zu dieser Zeit endgültig in der Breite der Gesellschaft angekommen war und bis in die letzten Ränder vorgedrungen ist. So viel Gutes mit dem Internet kam, so viel Schlechtes entwickelte sich naturgemäß mit. Ein Blick in eine beliebige Internet-Kommentarspalte sagt alles über den Zustand der Zivilgesellschaft im Deutschland des Jahres 2021 (glücklicherweise nicht auf diesem Blog 🙂 ). Das Internet begünstigte die Bildung von Echokammern und die Bildung abgesonderter Weltbilder, die nicht mehr fußten auf allgemein akzeptierten Medien, sondern die erstmals allein aus parallelen Scheinrealitäten gespeist wurden. Privatmetaphysiken, wie Richard David Precht sie so schön bezeichnet.

Ein weiterer Radikalisierungsschub hinsichtlich Verschwörungstheorien dürfte im politischen Umgang mit den Fluchtbewegungen ab 2014 mit dem Höhepunkt in 2015 zu sehen sein, die das Bild einer exogenen Bedrohung gepaart mit einem angeblichen endogenen Bevölkerungsaustauschplan evozierte. Zusammen mit der bereits durch die Friedensmahnwachen etablierten Schwurbelei mischte sich aus unserer Sicht spätestens hier das Gebräu zusammen, mit dem wir es heutzutage ganz wesentlich zu tun haben: ein holistisches Weltbild aus Verschwörungsphantasien. Das dann mit dem Abflauen der Flüchtlingszahlen wieder ein Stück weit in der öffentlichen Irrelevanz versank.

Mit Trumps Wahl in 2016 (im Übrigen mit schon damals um 3 Millionen weniger Stimmen als Hillary Clinton im popular vote, ohne dass Wahlfälschung beklagt wurde) hielt der Postfaktizismus auf der höchsten Ebene Einzug und wir hätten nicht gedacht, dass das Postfaktische auf Deutschland überschwappen könnte. Bekanntlich können die Tage, an denen Donald Trump nicht öffentlich gelogen oder die Unwahrheit erzählt hat, mit den Fingern noch abgezählt werden. Seit Trump hat sich jedoch auch in Deutschland etabliert, vorschnell von Wahlfälschung zu sprechen und damit mindestens passiv an der Delegitimierung demokratischer Institutionen mitzuarbeiten. Zwar gibt es bis heute keinen Beleg für Wahlfälschung in den USA und auch die Chaos-Senatswahlen in Berlin im September 2021 produzierten keine „geschätzten“ Ergebnisse, wie das gelegentlich ohne Grundlage behauptet wird, aber von Fakten möchte sich niemand von seiner Meinung abbringen lassen – sie wären auch nur mit dem unzumutbaren Aufwand einer Google-Suche zu beschaffen. Im Gegenteil werden seit vielen Jahren sämtliche an den Haaren herbeigezogenen Falschmeldungen in Fakten-Checks zumeist überragend überzeugend widerlegt, allerdings erreichen Fakten-Checks auch nur Leute, die an Wahrheit sowieso ein Interesse haben (vgl. auch Matthäus-Effekt). Dass der Vorwurf der Wahlfälschung vor allem von interessengeleiteten, d.h. von systemfeindlichen Kreisen verbreitet wird, überrascht gerade nicht.

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Dass wir aber schon weit vor Corona die Saat der Verschwörungstheoretiker im Land haben, beweist diese sehenswerte Doku eindrücklich:

Ganz offensichtlich gibt es in der heterogenen Verschwörungstheoretikerszene egal welcher Herkunft – Anthroposophen, Waldorf-Selbstbestimmungspädagogik, Permakultur-Selbstversorger, Esoteriker mit offenbar ganz massivem Problemschwerpunkt Baden-Württemberg – zwar nicht zwingend Deckungsgleichheit mit den Spielarten des rechtsideologischen Spektrums, in jedem Fall aber gibt es Anschlussfähigkeit auf vielen Ebenen. Es einte schon vor Corona die gemeinsame Ansicht „Der Staat hat hier nichts zu suchen“. Und: es gibt bedeutende Kräfte, die so subtil ideologisches Material verbreiten, dass die meisten nicht einmal merken dürften, dass sie gerade manipuliert und damit fremdbestimmt werden, beispielsweise ein Weltbild aufgedrängt bekommen, in dem es regelmäßig um ein „wir gegen die“, also um das Vorantreiben einer Spaltung geht, wobei schon damals das „die“ ein Potpourri unbelegter Behauptungen war (internationales Finanzkapital und anderen Kokolores).

Da gibt es etwa die Demeter-Bauernhöfe, die Kuhmist in die hohlen Hörner eines Bullen stopfen, das Ganze bei Vollmond vergraben, damit „die kosmischen Kräfte des Bodens“ aktiviert werden, das dann später wieder ausbuddeln, mit Wasser verdünnen und auf dem Acker versprühen.

Demeter richtet sich nach den Lehren von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Diese werden von Kritikern als esoterisch und antiwissenschaftlich bezeichnet. Im Jahr 2018 erhielt Demeter den Negativpreis „Das goldene Brett vorm Kopf“. Der Preis zeichnet den „größten antiwissenschaftlichen Unfug“ aus. Demeter fördere „ein vorwissenschaftlich-magisches Weltbild“, so die Begründung der Jury.

Entrüstung über Demeter, faz.net, 05.01.2021

Rudolf Steiner also, Begründer der „Anthroposophie“. Anthroposophie klingt ja immer so lässig harmlos, wir haben das auch lange bis in die Corona-Pandemie hinein als gleichbedeutend mit Philanthropie verwechselt. Großer Fehler! Rudolf Steiner erdachte Anfang des 20. Jahrhunderts die Anthroposophie, „eine spirituellen Weltanschauung, deren wesentliche Inhalte nach seiner Darstellung auf hellseherischen Einblicken in eine geistige Welt („die höheren Welten“)“ zurückgehen.

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In Steiners Denken spielten auch kosmische Interpretationen eine Rolle: Er deutete die Reproduktion von Pflanzen nicht als das Sprossen von Samen; vielmehr seien Pflanzen Abbilder des gesamten umliegenden Weltalls, bzw. kosmischer Konstellationen, wobei Kräfte der geistigen Welt am Werke seien, die in den Ergebnissen der anthroposophischen Landwirtschaft spürbar zum Tragen kämen. Steiners Landwirtschaft war, wie die anderen Gebiete der Anthroposophie, als „übersinnliche“ Geisteswissenschaft angelegt, und die Landwirte wurden angehalten, beim Meditieren „allmählich herein in ein Erleben des Stickstoffs rings um sie herum“ zu wachsen, der sich ihnen dann offenbaren würde.

Biologisch-dynamische Landwirtschaft, wikipedia.org

Kurzum: unfassbarer Unsinn, der natürlich vor allem in Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen musste. Dazu Tucholsky, der einem der Vorträge Steiners beiwohnte:

Wenns mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen – das »Seelisch-Geistige«, das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen. Man sagt, Herr Steiner sei Autodidakt. Als man dem sehr witzigen Professor Bonhoeffer in Berlin das einmal von einem Kollegen berichtete, sagte er: »Dann hat er einen sehr schlechten Lehrer gehabt –!«

Kurt Tucholsky: Rudolf Steiner in Paris, textlog.de

Neben der Anthroposophie und der biodynamischen Landwirtschaft beglückte Steiner die Menschheit auch mit der Erfindung der Waldorfpädagogik und der anthroposophischen Medizin, für die in Deutschland offiziell kein Wirksamkeitsnachweis (!) erbracht werden muss. Abschließend: nach Hitler, Jan Marsalek, Markus Braun nun mit Rudolf Steiner ein weiterer Österreicher, der seinen Beitrag geleistet hat, in Deutschland Verheerungen anzurichten. Es ist offenbar das Schicksal der gutgläubigen Deutschen, permanent fragwürdigen Österreichern auf den Leim zu gehen.

„Denn ich hab‘ es mit den Deutschen Dummköpfen zu thun, die man, durch ein sinnloses Wischiwaschi und ein Paar Paradoxien aus dem Tollhause, sehr leicht verdutzt und sie führt wohin man will. A Propos, ich lege hier für den Fall meines Todes das Bekenntniß ab, daß ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwenglichen Dummheit verachte und mich schäme ihr anzugehören.“

Schopenhauer in: Neue Paralipomena, § 76, polona.pl

Mit der Corona-Pandemie wuchs dann zusammen, was nicht zusammengehört: eine im höchsten Maße unterschiedliche Melange aus normalen Menschen neben Extremisten, Impfgegnern, Esoterikern, Systemgegnern, Wissenschaftsleugnern und schlicht Spinnern. Die heutzutage ausgezeichnete Vernetzbarkeit durch alternative (a)soziale Netzwerke führte dazu, dass selbst grundsätzlich unterschiedliche Weltbilder unter dem Dach des Dagegenseins eine Heimat finden. Verbunden mit der Gefahr natürlich, dass man über die Zeit Leute durch einen immer weiteren Abstieg in die Radikalisierung verliert, die eigentlich noch für Argumente zugänglich waren.

Frei kommt zu dem Schluss, dass die Coronademos in Westdeutschland ein „akademischer Mittelschichtsprotest“ seien – getragen von „anthroposophisch-esoterischer Ablehnung von Impfungen“. Eine „monokausale“ Erklärung gebe es aber nicht. Zu den Protesten in Ostdeutschland gebe es grundlegende Unterschiede, heißt es in ihrer Studie. Dort seien die Proteste „stärker von der extremen Rechten geprägt und tragen deutlich weniger esoterische und anthroposophische Züge“.

Die AfD habe im Osten die mitunter starke Entfremdung vom politischen System erfolgreich mit einer Impfskepsis verbinden können. „Somit hat sich aus unterschiedlichen soziokulturellen Quellen in Baden-Württemberg und den neuen Bundesländern eine ähnliche Dissidenz gegenüber der Pandemiepolitik herausgebildet.“

Eine deutsche Besonderheit, taz.de, 20.12.2021

Mischszene aus teils gewaltbereiten Esoterikerinnen, Freikirchlern, Neonazis, Verschwörungsanhängern, Alt-Hippies, Unzufriedenen und Verunsicherten

Querdenker-Szene:Wohin sich die Wut entlädt, zeit.de, 14.12.2021

Die Geschichte, auch der von Pegida, zeigt jedoch, dass mit einem Abflauen der wundersamen Einigkeit zu rechnen ist, wenn die Pandemie ein Ende gefunden hat und die verschiedenen Extremismen sich wieder verhalten wie zwei sich abstoßende Magnetpole – sofern man nicht der Hufeisentheorie zuneigt.

„Die Aufklärung kam aus Frankreich und hatte große Mühe in Deutschland.“ Im 19. Jahrhundert sei das Land rückschrittlich und durch die Agrarwirtschaft geprägt gewesen. „Es ist heute schwer vorstellbar, wie sehr deutsche Eliten im ländlichen Raum die Aufklärung und die französische Revolution hassten.“

Eine deutsche Besonderheit, taz.de, 20.12.2021

Und das Irritierende ist dann ja immer, wenn die Einschläge im Bekanntenkreis näher kommen und näher sind, als einem lieb ist und aus vollkommen unerwarteter Ecke ein Hang zu Verschwörungstheorien und Falschnachrichten offenbar wird. Es ist nämlich gerade dies so schwierig: das Phänomen, welches uns begegnet, zu greifen, zu begreifen, zu beschreiben, was sichtbar wird. Denn was erleben wir denn? Das sind ja nicht alles Nazis. Das sind ja nicht alles Heilkundler, Homöopathen und Anthroposophen. Auch die seriösesten Medien tun sich schwer mit einem Sammelbegriff, der beschreibt, ohne zu pauschalisieren: „politischer Nihilismus„, das „banale Nichts„, ein „konvergentes Nein!„.

Querdenken ist zum Markenzeichen einer Auflehnung geworden, die als ‚Bewegung’ nach den Regeln des Marketing von Werbestrategen organisiert ist, die ihre Impulse von Populisten und Verschwörungsideologen, von Identitären und ‚Reichsbürgern‘, von Rechtsextremen, von kreidefressenden AfD-Politikern im Schafspelz, von Sektierern und Narren erhält. Provokation und Usurpation sind die Methoden, Ziel ist die Destruktion von Normen und Regeln, die friedlichem Miteinander und vernünftigem Interessenausgleich in Staat und Gesellschaft dienen. Ursachen sind die Verweigerung von Solidarität und Toleranz und die kollektive Entfaltung unbeschränkter Egozentrik.

QUERDENKER-BEWEGUNG: Das banale Nichts, faz.net, 18.12.2021

Personen, die sich unter dem einmal zur Selbstbeschreibung und als Kompliment verstehbaren Etikett des „Querdenkers“ versammeln, entstammen anthroposophisch-eso­terischen Zirkeln, lebensreformerischen und grün-alternativen Gruppen, Rechtsparteien, christlich-fundamentalistischen Kreisen, Protestbewegungen gegen urban-industrielle Großprojekte und atomare Aufrüstung und nicht zuletzt Mutanten der DDR-Bürgerbewegung via Montagsdemos und Pegida-Aufmärschen.

QUERDENKER-BEWEGUNG: Das banale Nichts, faz.net, 18.12.2021

Das heißt, es ist überhaupt schon schwierig, ein Wort für das Phänomen zu finden, worunter sich alles subsumieren ließe. Am ehesten erscheinen uns Wissenschaftsleugnung, Wissenschaftsfeindlichkeit oder der sog. Denialismus das einende Gemeinsame zu sein. Das gilt schon traditionell für die Anhänger der sogenannten Alternativ- bzw. Placebomedizin, welche die – wissenschaftsbasierte – Schulmedizin (der ein Wirknachweis abverlangt wird) oft ablehnen. Das gilt für politische Extremisten, insbesondere für die Rechte, die sich in der Tradition germanischer Naturreligion, mystizistischen nordischen Schamanentums, romantischer Naturschwärmerei und der Nazi-„Heilkunde“ sehen:

Reichsärzteführer Gerhard Wagner betonte 1933 die „Überlegenheit“ der Alternativmedizin gegenüber der „verjudeten Schulmedizin“. Um dieser die Homöopathie entgegenzusetzen, gründeten die Nazis 1935 die „Reichsarbeitsgemeinschaft Neue Deutsche Heilkunde“. Deren Mitglieder waren unter anderem der „Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte“, der „Reichsverband der Naturärzte“ und die „Vereinigung anthroposophischer Ärzte“.

Eine deutsche Besonderheit, taz.de, 20.12.2021

Und das gilt natürlich auch für die Seligen, die da lediglich arm sind im Geiste und für die die akademische Flughöhe außer Sichtweite ist.

„Glaube“ heißt Nicht-wissen-wollen, was wahr ist.

Friedrich Nietzsche in: Der Antichrist

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn in Querdenkerkreisen Christian Drosten, Karl Lauterbach & Co. als Merkels „Corona-Schamanen“ beschimpft werden, aber gleichzeitig eine eigene medizinische Auffassung vertreten wird, die nichts anderes ist als antimodernes, antiwissenschaftliches Schamanentum. Dies winkend mit Fahnen aus dunklen diktatorischen Zeiten gegen „die Merkel-Diktatur“. Von einem Volk, dass vor Corona eine Grippe nicht von einem grippalen Infekt auseinanderhalten konnte.

Die bis heute anhaltende Ablehnung der „Schulmedizin“ sei „eine deutsche Besonderheit, die klar auf die Romantik zurückzuführen ist“, sagt An­dreas Speit. Man sehe dies etwa daran, dass es Heilpraktiker als staatlich geregeltes Berufsbild nur in Deutschland (NS-Heilpraktikergesetz von 1939) und Teilen der Schweiz gibt. Die alte Bundesregierung erwog die Abschaffung des Berufs, die Querdenker-Partei „Die Basis“ behauptet, die einzige Partei zu sein, die sich gegen die Abschaffung einsetze. 

Eine deutsche Besonderheit, taz.de, 20.12.2021

Ganz außerordentlich bedeutsam für das Aufstreben der Systemgegner- und Wissenschaftsleugnermelange sind die neu aufgekommenen alternativen Medien, die die Vernetzung vorantreiben und die „gemeinsame Wissensgrundlage“ kreieren. So betreibt beispielweise Boris Reitschuster in der Funktion des Schauspielers eines Journalisten einen nach außen den Schein seriösen Arbeitens wahrenden Internetmedienauftritt, produziert aber – in dieser Häufung offenbar absichtlich – am laufenden Band Verdrehungen. Es ist die Reinform der Desinformation, es ist im Kern Putins Konzept, das durch Schüren von Zweifeln an allem eine grundsätzliche Misstrauensmentalität fördern soll, und Reitschuster als Russland-Experte müsste das ja kennen. Die heute grassierende Desinformation ist so absurd, dass sich in den USA bereits die parodierende Bewegung „Birds aren’t real“ gegründet hat.

Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr vom Eindruck des Augenblickes ab, dass einer, der sie täuschen will, stets jemanden findet, der sich täuschen lässt.

Niccolò Machiavelli in: Der Fürst

Begünstigt wird Reitschusters Werk allerdings durchaus ein Stück weit von Mängeln in der Führungs-, Umsetzungs- und Kommunikationsqualität im politischen Spitzenpersonal. So erhält er wesentliche Kristallisationskeime für Desinformation durch geschicktes Nachfragen in der Bundespressekonferenz, an denen er unkontrolliert-metastatisch das Drumherum des „Hier stimmt doch was nicht“ wuchern lässt.

Trotz all ihrer Fortschritte hat die Philosophie nicht vermocht, den Massen ein Ideal zu bieten, das sie bezaubern könnte. Da ihnen aber Täuschungen unentbehrlich sind, so wenden sie sich unwillkürlich, wie die Motte dem Licht, den Rednern zu, die sie ihnen bieten. Die große Triebkraft der Völkerentwicklung war niemals die Wahrheit, sondern der Irrtum. Und wenn heute der Sozialismus seine Macht wachsen sieht, so erklärt es sich daraus, daß er die einzige Täuschung darstellt, die noch lebendig ist. Wissenschaftliche Beweisführungen können seine Entwicklung nicht aufhalten. Seine Hauptstärke liegt darin, daß er von Köpfen verteidigt wird, die die Tatsachen der Wirklichkeit genügend verkennen, um es zu wagen, den Menschen kühn das Glück zu versprechen. Die soziale Täuschung herrscht heute auf allen Ruinen, die die Vergangenheit auftürmte, und ihr gehört die Zukunft. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.

Gustave Le Bon in: Psychologie der Massen

Die Frage ist nur: warum gehen gesunde, bisher verständige Leute dem auf den Leim? Warum steigern sich Leute freiwillig wider die Möglichkeit besseren Wissens bis zur völligen Hemmungslosigkeit hinein? So sehr, dass sie auch noch Unmengen Geld dafür ausgeben? Dass so ein Schwachsinn wie QAnon in der Lage ist, nach Deutschland zu schwappen? Das eine ist, dass ein guter Teil der Bevölkerung seine geistigen Grenzen nicht erkennt. Die weitere Antwort, dass schlicht 20 % der Bevölkerung ein fruchtbares Reservoir für Verschwörungstheorien bilden, erscheint unbefriedigend.

Bodo Schiffmann steht auf dem Dach eines Nightliners, der aussieht wie ein Tourbus. Nur ist Schiffmann kein Popsänger, sondern Arzt – und einer der bekanntesten Verschwörungsideologen Deutschlands. „Ich bin nicht nur ein Covidiot, ich glaube auch nicht an die Klimalüge“, ruft er den knapp 200 Menschen unter ihm entgegen. Der Bus, Schiffmann und sein Publikum stehen am vergangenen Dienstagnachmittag in Schwäbisch Gmünd, eine knappe Autostunde östlich von Stuttgart. Zuschauer hat er in ganz Deutschland, die Rede wird per Livestream übertragen.

Wie es mit Querdenken nach Corona weitergeht, zeit.de, 30.07.2021

Es ist als, suchten die Menschen nach Erklärung, nach Identität, nach Bedeutung, nach Zugehörigkeit, nach dem metaphysischen, nach dem, was hinter den wahrnehmbaren Dingen steht – auch wenn das im Zweifel gar nichts (zumindest nichts Verschwörerisches) ist. Nachdem der zweitausendjährige Welterklärer Kirche in der Praxis seinen Einfluss verspielt und verloren hat und seit Corona oft auch die Ersatzreligion Fußball ausgefallen ist, verbleibt als scheinbar letzte Möglichkeit für die Bedienung der Sehnsucht Einzelner nach Gruppenzugehörigkeit offenbar die Polarisierung, die Kontra-Position, die Opposition, die Systemgegnerschaft als Linderungsmittel für eigenes Versagen, die übergroße Weltverschwörung, die einem nun die Erklärung für alles verschaffen kann. Das Zugehören zu einer Bewegung, die einem einfache Erklärungen auf komplexe Fragen gibt, und insofern eine Art Eliten- und Geheimwissen der Gruppe der vermeintlich Illuminierten im Unterschied zum vermeintlich schlafenden, nichtdenkenden Rest vermittelt.

Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.

Friedrich Nietzsche in: Menschliches, Allzumenschliches

Überhaupt hat sich ja die Unsitte eingebürgert, dem Andersdenkenden das Denken an sich abzusprechen, was wohl eine der größtmöglichen Beleidigungen sein sollte.

Eine Verschwörungsmentalität ist in Deutschland weithin verbreitet. Etwa jeder Fünfte (22,9 %) glaubt an geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Ebenfalls jeder Fünfte stimmt der Aussage zu, Politiker und andere Führungspersönlichkeiten seien nur Marionetten dahinterstehender Mächte (20,5 %) oder finden, Medien und Politik steckten unter einer Decke (24,2 % […]. Sogar knapp ein Drittel (32,3 %) der Befragten teilt eine wissenschaftsfeindliche Haltung und gibt an, dass sie ihren Gefühlen mehr vertrauten als sogenannten Experten. […] Es ist bei dieser kurzen Zusammenfassung anzumerken, dass wir lediglich die Antwortkategorien von »stimme eher zu« und »stimme voll und ganz zu« auswerten. Unter Hinzunahme der Mittelkategorie, die immerhin nicht ausdrücklich ablehnt, würden die Zustimmungswerte teilweise noch deutlich höher ausfallen.

[…]

Eine andere Frage, die oft diskutiert wird, ist das Verhältnis von Verschwörungsglauben und Religion. Die Analyse zeigt: Protestanten haben die niedrigsten Zustimmungswerte (19,7 %), gefolgt von Menschen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen (22,8 %), während bei Katholiken ungefähr jeder Dritte an Verschwörungen glaubt (30,0 %).

Mitte-Studie, S. 289, fes.de

Fast ein Drittel gibt wissenschaftsfeindliche Ansichten an! Vieles im Verhalten der Verschwörungstheoretiker erinnert an den Beitritt zu einer Sekte:

„Sekten predigen draußen, Verschwörungsideologen im Netz. Und Menschen, die in einer emotionalen Notlage sind, springen darauf an.“ In einem solchen Umfeld neige man dazu, verstörende Elemente der Wirklichkeit einfach auszublenden und Dinge zu glauben, die vollkommen widersprüchlich sind.

[…]

Ist die Entwicklung schon zu weit fortgeschritten, bringt auch das gut gemeinte Dagegenreden nichts mehr. Angehörige können dann nur noch an der Ursache ansetzen. Eben weil der Glaube an Verschwörungserzählungen eine Strategie ist, um Ängste zu bewältigen, hat er wenig mit dem Verstand zu tun, und viel mit Gefühlen.

Sabine Riede von der Sektenberatung zufolge gibt es verschiedene Merkmale, die darauf hindeuten, dass Angehörige diesen Punkt erreicht haben könnten. Zum Beispiel, wenn sie von einem kollektiven „Wir“ sprechen, das sich gegen „die“ stellt, häufig eine anonyme Elite, die vermeintlich im Hintergrund die Fäden zieht. Die Vorstellung deutet auf die „Neue Weltordnung“ hin, das angebliche Ziel der Verschwörer. Bei dieser Ideologie verlaufen die Grenzen zum Antisemitismus fließend.

Die Behauptung, dass diese Schattenmacht längst Politiker und sogenannte Mainstream-Medien kontrolliere, ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass jene nächste Phase des Verschwörungsglaubens erreicht ist. Oft konsumieren die Gläubigen zu diesem Zeitpunkt schon keine seriösen Nachrichten mehr, sagt Riede. Denn diese würden ihre Ängste bloß verstärken.

Sie beginnen damit, sich zu isolieren, begehen Realitätsflucht. Aus den anfänglichen Zweifeln ist ein neues Weltbild geworden. Für Argumente sind sie nun kaum noch zugänglich, weil sie sogenannte Bestätigungsfehler begehen: Informationen, die nicht ihren gefestigten Vorstellungen entsprechen, werden ausgeblendet. „Wer dann von außen mit einem Faktencheck kommt, ist der Feind“, so Silberberger. „Fakes werden dagegen als weitere Bestätigung für das schon bestehende Weltbild genommen.“

Wenn die Eltern plötzlich an Verschwörungstheorien glauben, netzpolitik.org, 13.05.2020

Es sei daran erinnert: es braucht nicht viel, dass komplexe Systeme kippen. „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Dazu gehört, dass der Staatsbürger in der Lage ist, sich eine Meinung auf der Grundlage von Fakten bildet, die im Zweifel aus zuverlässigen Quellen zu beschaffen sind. Die Nazis brauchten 1933 nicht einmal 44 % bei einer Wahlbeteiligung von 88 %, sodass weniger als 39 % der Wahlberechtigten ausreichten, um den Weg in die Katastrophe zu ebnen. Die Bank of England hat nach dem Zweiten Weltkrieg sämtliche Banknoten umgetauscht, weil die Nazis die britische Währung in Höhe von 130 bis 300 Millionen Pfund gefälscht haben und die Fälschung (lediglich!) in Höhe von 15-20 Millionen Pfund in Umlauf kam. Die Gefahr der qualitativ exzellenten, „the most dangerous ever seen“ gefälschten Banknoten war aber ein Zusammenbruch des gesamten britischen Geldsystems aufgrund Vertrauensverlusts in die Währung. Ein bloßer Sonnensturm war geeignet, aus dem Kalten Krieg fast einen heißen werden zu lassen.

Rein theoretisch haben wir es hier mit der radikaloppositionellen Verschwörungsschwurbelei mit mehreren Phänomenen zu tun. Das eine ist eine vorhandene Ambiguitätsintoleranz, das heißt, Menschen halten es teilweise nicht aus, wenn es zu einem Thema nicht nur eine, sondern mehrere unterschiedliche Ansichten gibt. Das ist letztlich, was man heutzutage mit Überforderung infolge von Komplexität meint. Jemand, der aggressiv „Lügenpresse“ skandiert, wird eine abweichende Auffassung dazu nicht (mehr) tolerieren. Letztlich ein Schutzmechanismus vor dem Sich-selbst-infrage-stellen. Der Ausschluss anderer Möglichkeiten führt aber zu Schwarz-Weiß-Denken und zur Versteinerung der eigenen Haltung, letztlich übergeordnet zu einer immer konfrontativeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Das andere Phänomen nennt sich Kontingenz, bzw. den Umgang mit Kontingenz die Kontingenzbewältigung. Kontingenz beschreibt die „prinzipielle Offenheit und Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen“ und damit die Annahme, dass menschliche Lebenserfahrung nicht eindeutig ist. „Es könnte auch anders sein“, meinte Aristoteles.

[…] ein Individuum kann also beispielsweise den Wald so, aber auch anders wahrnehmen: Einer wird das zu verarbeitende Holz und den Gewinn daraus wahrnehmen, ein anderer die Idylle und das Vogelgezwitscher. Keiner kann von sich behaupten, seine Wahrnehmung sei die einzig mögliche und richtige. Und keiner kann sicher voraussehen, wie der andere diesen Wald nun wahrnimmt aufgrund der Kontingenz des anderen.

Kontingenz (Soziologie), wikipedia.org

Mit dieser Nichtfestlegbarkeit von Wirklichkeitserfahrung, von Wahrnehmung muss man umgehen, muss man lernen, umzugehen. Überwiegend gelingt das den Menschen.

Kontingenzbewältigung ist die Einschränkung des Risikos, enttäuscht zu werden. Das Risiko der Enttäuschung entsteht durch Ungewissheiten, für die man keine Erklärung hat. In der Kulturgeschichte des Menschen wurden dazu viele Strategien entwickelt, um die Welt berechenbarer zu gestalten. Zentrale Bedeutung hat hier die Religion bzw. deren Kontingenzunterdrückungs-Mechanismen. Es gab und gibt jedoch auch andere Systeme, die Kontingenzbewältigung bezwecken, wie politische Ideologien, Verschwörungserzählungen oder das Recht.

Kontingenz (Soziologie), wikipedia.org

Kontingenzbewältigung kann deshalb u.a. darin bestehen, auf die Straße zu einem unangemeldeten Spaziergang zusammen mit mehreren Tausend Menschen zu gehen und von Fakten gelöste Ablehnung auf eine virtuelle Projektionsfläche („die“ Medien, „der“ Parteienstaat, „die“ Pharmabranche etc.) zum Ausdruck zu bringen, um Ungewissheit und allzu oft auch eigenes Scheitern zu kompensieren oder eine Lebenssituation, die zu einem guten Teil selbstverschuldet ist. Ambiguitätstoleranz, d.h. die Unumstößlichkeit der eigenen Behauptungen, belegt allerdings nur ein intellektuelles Scheitern, das wiederum selbstverschuldet ist.

Fassen wir also bis hierher zusammen: im letzten Jahrzehnt hat sich eine substantielle, in Teilen subversive, in jedem Fall aber ungute Melange aus dem Reservoir des Antiwissenschaftlichen, Antimodernen, Antidemokratischen, Anti-status-quo, Antizivilen mit spätestens in der Corona-Pandemie lautstark, entgrenzt und hemmungslos vertretenem Geltungs- und Wahrheitsanspruch gebildet, die übergreifend ein Egoismus eint, der den Gedanken an ein Sicheinfügen in ein übergeordnetes Ganzes, bspw. eine regelbasierte Zivilgesellschaft oder ein Staatswesen, ablehnt. Radikalster und rücksichtslosester Individualismus in maximaler Verantwortungslosigkeit. Das wird uns auch nach Corona und mit Sicherheit in der nächsten großen gesellschaftlichen Krisensituation weiter beschäftigen. Zwar wäre es Falsche Ausgewogenheit, dies angesichts des dennoch vergleichsweise kleinen zahlenmäßigen Anteils zu ernst zu nehmen. Man begeht aber wohl einen großen Fehler, wenn man das Schwurbler-Phänomen, seine Radikalisierung und sein „Bewegungs“-Selbstverständnis nicht ernst nimmt.

Damit haben wir nun erstmal die Rahmenbedingungen des in die heutige Zeit führenden Pfads abgesteckt und kommen in unserem in Kürze erscheinenden zweiten Teil zu demselben Phänomen im Finanzbereich.





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9 Gedanken zu „Über das metaphysische Bedürfnis in Zeiten der Pandemie und davor (Teil I/II)“

  1. Wie wir hier angekommen sind, ist mir jetzt klarer. Aber wie kommen wir wieder zurück zu einem kleineren Anteil Anti-Demokratie, Anti-Wissenschaft, Anti-Egoismus?
    Sind euch da während eurer Recherche auch Lösungen oder Hoffnungsschimmer aufgefallen?
    Viele Grüße
    Jenni

    1. Hi Jenni,
      das ist natürlich die entscheidende Frage. Die einzige Hoffnung, die wir sehen, ist der entzogene Nährboden der Krise, sobald Corona endemisch wird. Und dann bleibt zu hoffen, dass die nächsten großen Krisen ein paar Jahre ausbleiben…

      1. Ist schon spannend, dass du als „Hoffnung“ das Pandemieende ansiehst, weil dann die metaphysische Verwirrung laut dir aufhören sollte. Steile These.

        Für mich hat sich in der Pandemie eher der Satz bewahrheitet: „Der Mensch kann nicht Nicht-Glauben.“ Deckt sich mit dem bereits lange bekannten Faktum, dass die Säkularisierungs-Hypothese der 60er/70er Jahre widerlegt ist: „Spiritualität“ ist nicht auf dem Rückzug, sondern in der Vorwärtsbewegung.

        Das Problem der neuen Spiritualität im 21. Jh.: Sie und ist bei den meisten Menschen ein Frankenstein – aus allem etwas dabei, ein lebender Toter, ein Monstrum. Und das gepaart mit einen Nicht-Korrigierbarkeit, die durch die Echokammern der social media bestärkt wird, brütet eben keine Barmherzigkeit.

        Arm im Geiste – nicht im Sinne von dumm – sind die Menschen wirklich: Schafe ohne echten Hirten, bereit jedem Trottel nachzulaufen, der Sinn und Frieden verspricht. Das hatte schon ein galilaischer Wanderprediger vor 2000 Jahren diagnostiziert und Hilfe angeboten; interessiert sich aber kein Mensch mehr dafür…

        1. So weit würden wir nicht gehen, dass mit Pandemieende die Verwirrung aufhört. Uns geht es nur um die Hoffnung, dass der mit Wirkung gegen andere auf der Straße ausgetragene Wahrheitsanspruch wieder zurückgeführt in die individuelle mit sich selbst auszuhaltende Verwirrung. Was der einzelne denkt, geht uns nämlich an sich nichts an, nur wenn so langsam kollektive Aggressivität und Gewalt ins Spiel kommen. Im Übrigen sind wir derselben Auffassung.

      2. Der Beitrag ist eine umfassende Analyse und Übersicht über das „Phänomen“. Deshalb von mir ein ganz großes Lob für die Intellektuelle Fleißarbeit.
        Wie kann man nun diesem „Tsunami der Dummheit“ begegnen?
        Ich habe schon einmal begonnen den Beitrag zu teilen mit Menschen, von denen ich glaube, dass ihnen Vernunft, Erkenntnisgewinnung und Intellektuelle Redlichkeit wichtig sind.

      3. Seit langem ein Artikel von Atypischstill, den ich nicht teile. Scheint mir zu einseitig. Dazu werden, wie sich das leider in diesem Staat manifestiert hat, Menschen mit anderen Ansichten stumpf in einen Sack gepackt und draufgehauen. Es ist halt doch so schön einfach zu verallgemeinern.

        1. Hi Mar,
          ist auch völlig in Ordnung, wenn man damit nicht übereinstimmt, wir sind ja nicht auf Missionierung 😉
          Beste Grüße

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