Inspirierende Persönlichkeiten # 3: Deutschlands erfolgreichster Influencer ist Multimillionär

Wir schreiben heute über eine der faszinierendsten Persönlichkeiten, die Deutschland zu bieten hat. Steile Karriere, Millionengewinne im Buch-Business, erfolgreicher Travel-Blogger und dazu ein Leben in finanzieller Freiheit von Zinsen und Mieteinnahmen.

OnVista Bank - Die neue Tradingfreiheit Anzeige

Die Rede ist natürlich von…Johann Wolfgang von Goethe. Nein, kein Scherz. Goethe ist mit der Vielfältigkeit seiner Aktivitäten, aber auch hinsichtlich der Überreichlichkeit seiner finanziellen Mittel ein hochinteressantes Studienobjekt auch unter dem üblicherweise nicht so in den Blick genommenen finanziellen Gesichtspunkt. Goethe führte aber natürlich vorrangig intellektuell ein derart reiches Leben, dass es ein weiteres bräuchte, allein, um sich mit ersterem in gebotener Ausführlichkeit beschäftigen zu können. Im Folgenden verwenden wir für die Faktenangaben sowie insbesondere für Zahlenangaben v.a. das Buch Genie und Geld – Goethes Finanzen* von Jochen Klauß, aber auch Goethe und das Geld – Der Dichter und die moderne Wirtschaft* von Vera Hierholzer und Sandra Richter.

Beginnen wir mit Goethes Großvater, dem aus Thüringen stammenden Friedrich Georg Göthe. Ja, Göthe. „Fack ju, Göhte“ (das im Übrigen gerichtlich bestätigt kein anstößiger Titel jedenfalls für die deutsche „breite Öffentlichkeit“ sein soll) war also sprachlich tatsächlich schon näher am Original, als den Machern vermutlich überhaupt selbst bekannt war. Göthe – also Goethes Großvater – war erfolgreicher Schneider und nannte sich nach einem Arbeitsaufenthalt in Lyon sogar Göthé. Ab etwa 1687 schrieb er sich dann in der heute bekannten Form Goethe. Goethes Großvater hatte nach heutigen und auch nach damaligen Maßstäben materiell günstig geheiratet. Es gab eine Mitgift von 8.000 Gulden (heute wohl rund 250.000 Euro). Er beschäftigte sechs Angestellte, einen davon schwarz, wegen der Steuern.

Anzeige

Nach dem Tod der ersten Frau folgte 1705 die zweite sehr lukrative Heirat, da besaß er aber schon 19.000 Gulden (etwa 630.000 Euro). In die zweite Ehe wurde das sehr erfolgreiche Hotel Weidenhof an der Frankfurter Zeil eingebracht. Als Mitinhaber des viertbesten Hotels der Stadt und vor allem aufgrund des darüber abgewickelten Weinhandels wurde der wesentliche Grundstein des Vermögens der Familie Goethe gelegt. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es in Frankfurt nur 183 Familien mit einem Gesamtvermögen von über 300.000 Gulden und nur acht Millionäre. Was man hieran jedoch deutlich sieht und diese Erkenntnis ist zeitlos, ist, dass bedeutende Vermögen in erster Linie durch unternehmerisches Engagement erwirtschaftet wird, wohingegen man heutzutage schon fast dem Eindruck verfallen könnte, man würde allein durch Geld sparen und Geldanlage zu größeren Vermögen kommen können. Dies nur bei Sehr-Gut-Verdienern, und Gerd Kommer ist ein beständiger Kritiker dieser Selbsttäuschung.

Goethes Großvater starb dann 1730 und hinterließ einen Sohn aus erster Ehe: Johann Caspar Goethe. Und nicht nur das. Er hinterließ ein Erbe von 17 Säcken Geld: einen Geldsack Louisdor, einen Geldsack Louisblancs, einen Sack Dukaten, einen Sack Vikariatstaler, einen Sack Taler preußisch Courant, einen Sack französisches Geld und weitere 12 Säcke verschiedener ausländischer Währungen. Insgesamt belief sich das Barvermögen auf etwa 19.000 Gulden. Dazu kamen zwei Häuser, Grundstücke, Waren und Weine, sodass sich insgesamt ein Nachlass von ca. 100.000 Gulden ergab. Das war der Grundstein des Reichtums der Familie Goethe von umgerechnet 4,5 Millionen Euro (wobei anzumerken ist, dass es verschiedene Umrechnungskursangaben für damalige Werte gibt, die alle naturgemäß nur eine Annäherung sein können). 

Goethes Vater ließ die Säcke dann aber nicht im Keller liegen, sondern legte das Geld an. Er steckte davon aber noch 14.000 Gulden ins Haus, was man nicht unbedingt als Verschwendung ansehen muss, denn Immobilieninstandhaltung kann sich auch zumindest werterhaltend auswirken. 7.000 Gulden gingen in die Ausbildung des Sohns Johann Wolfgang. Das übrige Geld wurde dann angelegt in Grundstücken und Obligationen, somit ergaben sich zusätzlich zu den Mieteinnahmen 2.700 Gulden jährlich aus der reinen Geldanlage. Zum Vergleich: ein Maurer verdiente 200 Gulden jährlich. 

Zeit für ein kurzes Resümee aus finanzieller Perspektive: die Familie Goethe hat zwei der klassischen Wege zum Reichtum beschritten. Unternehmerisches Engagement zum einen und lukrative Heirat zum anderen.

Anzeige

Goethes Vater war Jurist und wollte von seinem 1749 geborenen Sohn nach damaliger (und auch heute noch verbreiteter) Vorstellung idealerweise das gleiche. Auf Wunsch des Vaters studierte Goethe dann Jura. Allerdings lag ihm das Juristische nicht wirklich, obwohl er den gestellten Anforderungen immer mit glänzenden Leistungen begegnete. Goethe arbeitete zeitweise als Jurist in Frankfurt, legte dabei aber bereits einen derart schriftstellerischen sprachlichen Ansatz an den Tag, der ihm einen gerichtlichen Verweis wegen seiner „unanständigen, nur zu Verbitterung der […] Gemüter ausschlagenden Schreibart“ einbrachte.

1773 veröffentlichte er „Götz von Berlichingen“, das mit den 2.000 Jahre alten aristotelischen Grundsätzen des klassischen Dramas brach, ein nationaler Erfolg wurde und ihn schlagartig berühmt machte. 1774 folgte der in nur sechs Wochen verfasste Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ mit dem bekannten suizidalen Ende. Das Buch wurde ein europaweiter Erfolg, dennoch verhalfen ihm seine literarischen Werke noch nicht zu nennenswerten Einkünften. Seit dieser Zeit war Goethe aber ein bekannter Name und gerade mit dem Werther wurde Goethe möglicherweise (umstritten) zu einem maßgebenden Influencer.

Goethe wechselte 1776 im Alter von 26 Jahren auf Einladung des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach nach Weimar in den Staatsdienst. Das war gewissermaßen der Beginn einer wunderbaren und für Goethe materiell äußerst einträglichen Freundschaft. Das monatliche Taschengeld von 100 Gulden zahlte Goethes Vater zunächst weiter, obwohl dieser äußerst verärgert war, dass der Sohn einen anderen Lebensweg einschlug, als von ihm beabsichtigt.

Der Herzog und Goethe verbringen ihre Tage mit wilden gemeinsamen Ausritten in die umliegenden Dörfer und Wälder, ausufernden Feiern, Saufgelagen, mit Würfel- und Kartenspielen.  Entsprechend ist Goethes Finanzbedarf.

Goethe und das Geld Goethe und sein Lebensstil

1776 ging Goethe wegen seines Lebensstils kurzfristig sogar das Geld aus, er musste um die Ecke bei Vater und Mutter betteln, denn „niemand lebt vom Winde“.

Anzeige

Der Junggesellenhaushalt im Weimarer Gartenhaus ab 1776 verlangte für Goethe Helfer, denn mit
seiner steigenden Bedeutung und mit seinen zunehmenden Pflichten als Staatsbeamter und auch in
gesellschaftlicher Hinsicht brauchte er zunehmend Unterstützung. Neben Philipp Seidel, den Goethe
bereits in Frankfurt als Diener und Vertrauten hatte, stellte er noch 4 weitere Dienstboten ein. […] Die Kosten dieser Bediensteten setzten sich zusammen aus Lohn, Biergeld, Livree, Geschenke, Kostgeld, vierteljährig ein Paar neue Schuhe, insgesamt ca. 160 Taler für alle 5 Bediensteten zusammen.

Trotz großer Sparsamkeit von Philipp Seidelmann reichten die damals 1700 Taler Jahresgehalt Goethes
nicht aus, um alle Ausgaben zu decken. Die Differenzen mussten aus dem Frankfurter Vermögen
gedeckt werden.

Goethe und das Geld Goethe und sein Lebensstil

Dazu sagte Goethe in den Gesprächen mit seinem engen Vertrauten Eckermann:

Es ist nicht genug, dass man Talent habe. Es gehört mehr dazu, um gescheit zu werden. Man muss auch in großen Verhältnissen leben und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten zu sehen und selber zu Gewinn und Verlust mitzuspielen.

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 13. Februar 1829

In dieser Zeit erwarb Goethe in Weimar für 600 Taler ein Gartengrundstück mit einem Weinberg und einem zerfallenen Haus. Das Grundstück war immerhin 9.700 m² groß. Tatsächlich bezahlt hat jedoch Herzog Carl August. Mit weiteren 300 Talern des Herzogs hat Goethe das Grundstück renoviert und das Haus instandgesetzt und weitere 354 Taler flossen in das Mobiliar.

Sein Gehalt im Weimarer Staatsdienst betrug 1776 mit 26 Jahren als Geheimrat 1.200 Taler im Jahr, somit etwa 60.000 Euro. Der Umrechnungskurs kann auf etwa 1 Taler = 50 Euro verortet werden und ist natürlich immer unpräzise. Ein Lehrer verdiente etwa 15 bis 50 Taler. Das Gehalt steig im Jahr 1779 auf 1.400 Taler. Im Jahr 1782 erlangte er den Adelsstand und hieß von da an „von Goethe“. 1785 stieg sein Gehalt auf 1.600 Taler, 1788 auf 1.800 Taler und schließlich 1798 1.900 Taler (ca. 95.000 Euro, bei wie schon erwähnt vergleichsweise geringer Aussagekraft über den tatsächlichen heutigen Wert). Dazu jeweils Geld für zwei Pferde, 100 Taler jährlich. Selbst für Beamte war das eine seltene Gehaltshöhe. 1792 erhielt Goethe außerdem als Geschenk des Herzogs das auch nicht ganz unbeeindruckende Grundstück am Weimarer Frauenplan:

Nach der Verleihung einer Reihe weiterer Titel lautete 1815 der Amtstitel „Seine Exzellenz der Großherzogliche Wirkliche Geheime Rat und Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe“. Ab 1816 bezog er ein Jahresgehalt von 3.000 Taler plus 100 Taler Pferdegeld (ca. 155.000 Euro). Höher stieg sein Gehalt bis zu seinem Tod nicht mehr. Hier sieht man schon, dass Goethe Zeit seines Lebens Karriere im Staatsdienst gemacht hat. Goethe war Finanz- und Bergbauminister. Allerdings brauchte Goethe auch einen Grundstein an Einkommen, gerade in den frühen Jahren, denn seine Ausgaben waren immens. Möglicherweise hat Goethe hier bereits vorweggenommen, was im Wireless Life Guide* von Sebastian Kühn das Musen-Konzept ist. Dieses besagt, dass man eine Einkommensquelle haben sollte, die zwar nicht zwingend glücklich macht, die aber letztlich die Möglichkeit finanziert, das zu machen, worauf man wirklich Lust hat. Dass Goethe vom Staatsdienst auch nicht jederzeit restlos begeistert war, kam in seinen Äußerungen zu den Fernreiseanlässen zum Ausdruck.

DKB-Cash: Das kostenlose Internet-KontoAnzeige

Und da sind wir schon beim nächsten Thema. Goethe war auch einer der ersten berühmten Persönlichkeiten, die das Reisen für die eigene Persönlichkeitsbildung entdeckt haben und dies propagierten. Insofern war er einer der erste Reise-Influencer. Dies wird deutlich an seiner 1775 begonnenen Schweizreise. Die Schweiz war zu diesem Zeitpunkt noch ein weitgehend unbekanntes Land, touristisch wenig erschlossen. Der Alpenraum galt sogar als gefährlich, sodass man unter normalen Umständen dort nicht hinfahren würde. U.a. durch eine vorangegangene Schweizreise Jean-Jacques Rousseaus gab es hier in der öffentlichen Meinung allmählich eine Wende und in den 60er und 70er Jahren des 18, Jahrhunderts wurde die Schweiz ein beliebtes Reiseziel. Der Mythos vom „freien Land“ lockte. Die Enge der deutschen bürgerlichen Ständegesellschaft konnte hier aufgebrochen werden, ideal für die dagegen aufbegehrende bürgerliche Jugend und den jungen Goethe. Goethe verarbeitete seine Reiseerfahrungen natürlich auch immer schriftlich, sodass man ihn getrost als frühen Reiseblogger bezeichnen kann; er hatte auch seinen Anteil an der weiteren touristischen Entwicklung des Berner Oberlands.

Der Schweizreise folgten zwei weitere Schweizreisen. Goethe befand sind immer im Spannungsfeld zwischen schön- und freigeistiger Schriftstellerei und den Sitten und Gebräuchen des traditionellen Bürgertums, zwischen Rastlosigkeit und ständigen Ortswechseln. Eine (z.T. mehrjährige) Auszeit im Ausland war auch zu Goethes Zeiten schon eine schöne Abwechslung zum Alltag. Goethe sah das Reisen aber immer auch als Aufgabe zum geistigen Wachstum an: „Elender ist nichts als der behagliche Mensch ohne Arbeit.“ Goethes Fazit der ersten Schweizreise: er erlangte einen „mannichfaltigen Blick in die Welt“ und maß ihr große Bedeutung für sein ganzes Leben bei. „Von meiner Reise in die Schweiz hat die ganze Cirkulation meiner kleinen Individualität viel gewonnen.“ Eine Erfahrung, die wir nur bestätigen können. Bei aller derzeit noch fragwürdiger Umweltbilanz, die u.a. das Fernreisen mit sich bringt, bleibt die Einsicht: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“

Die zweite Schweizreise erfolgte von 1779 bis 1780. In vier Monate wurden insgesamt 8922 Reichstaler für 7 Personen ausgegeben, pro Tag und Person also 10 Reichtstaler. Ein gutsituierter Bürger verdiente in Weimar ca. 1 Reichstaler täglich, davon gingen aber 90 % für die Lebenshaltung drauf. 

Die erste Italienreise begann 1786 und dauerte – länger als erwartet und geplant – bis 1788. Goethe bezeichnete sie als die wichtigste Reise seines Lebens. Ihr gingen akribische und jahrelange Vorbereitung voraus, denn Reisen war damals noch etwas anderes als heute. So gab es zuallererst einmal wenig Auswahl bei der Fortbewegung. Zu Fuß, zu Pferd oder mit der Kutsche? Low Budget hat das Johann Gottfried Seume erst im Jahr 1802 vorgemacht mit seinem Spaziergang von Leipzig nach Syrakus auf Sizilien.

Neben dem Kutschenfahrpreis fielen auch noch Fahrgeld, Chausseegeld, Brückengeld, Vorspanngeld, Schmiergeld und Trinkgeld an. Eine deutsche Meile (7,5 km) kosteten etwa 1 Dukat bzw. 5,25 Taler. Am Tag schaffte man wegen Pferdewechsels und aufgrund der Umsteigezeiten maximal 75 bis 100 Kilometer. Die Strecke von Karlsbad nach Rom dauerte so etwa 16 Tage. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Straßen natürlich nicht heutigem Standard entsprachen, sondern bis etwa 1800 ungepflastert waren. Erst später setzte sich die Straßenbefestigung durch. Knochenbrüche oder Quetschungen wegen umgekippter Kutschen, umherfallenden Gepäcks oder auch nur aufgrund der fehlenden Federung waren an der Tagesordnung. Verständlich, dass die Reiselust deshalb nur begrenzt ausgeprägt war.

Bei Fahrten über größere Distanzen wechselten im Zeitalter der Kleinstaaterei ständig die Währungen, immer wieder musste umgetauscht werden. Für die Einreise in das süddeutsche Währungsgebiet fertigte Goethe Umrechnungstabellen zwischen Talern und Gulden an. Hohe Summen an Gold- oder Silbermünzen mitzuführen war weniger ratsam. Geringe Beträge an Edelmetallwährungen versuchte Goethe sicherlich, wie damals üblich, möglichst raffiniert in der Kutsche und der Kleidung zu verstecken.  

In Italien wurde Goethe vor allem über das Bankhaus Bethmann in Frankfurt mit Finanzmitteln versorgt. Von Bethmann wurde das Geld an die Bankiers Reck und Lamnit in Venedig überwiesen, wo es der Maler „Möller“ – der Deckname unter dem Goethe firmierte – abheben konnte.

Reisen zu Zeiten Goethes

Goethe war europaweit bekannt; zur Vermeidung öffentlicher Aufmerksamkeit reiste er inkognito als „Johann Philipp Möller“. Goethe hat auf seinen Reisen insgesamt etwa 40.000 km zurückgelegt, war 3 Mal in der  Schweiz, 2 Mal in Italien, 17 Mal in Böhmen, 1 mal in  Polen und 1 Mal in Frankreich. Die reinen Transportkosten werden mit etwa 30.000 Talern angenommen. Insgesamt wird vermutet, dass Goethe in 70 Jahren etwa 100.000 Taler für das Reisen ausgegeben hat, was heute etwa 5 Millionen Euro entsprechen sollte.

Man muß […] Geld genug haben, seine Erfahrungen bezahlen zu können. Jedes Bonmot, das ich sage, kostet mir eine Börse voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiß, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen seit mehr als funfzig Jahren.

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 13. Februar 1829

Verständlich, dass bei diesen Summen die Einnahmenseite ziemlich relevant ist. Erst seit etwa Ende der Neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts wird angenommen, dass es Goethe zusammen mit den Buchhonoraren gelang, seine persönlichen Finanzen zum Ausgleich zu bringen. Bis dahin war Goethe aufgrund seines opulenten Lebensstils chronisch defizitär unterwegs.

Sein Weinkeller wurde ständig aufgefüllt, er spielte eifrig und glücklos Lotterien, er spendete viel für wohltätige Zwecke (vermutlich mit gewissen PR-Absichten; s. die Bemerkung von Schiller dazu) und entwickelte eine Vorliebe für teure Wäsche. Z. B. 1778 weist das Haushaltsbuch seines Kammerdieners Seidel folgenden Bestand auf: 82 Hemden ohne und 194 Hemden mit Manschetten, 58 Betttücher, 108 Handtücher, 34 Tischtücher und 267 Servietten. Um 1780 gab Goethe etwas das Doppelte von dem aus, was er einnahm. Schließlich warnte ihn sein getreuer Kammerdiener Seidel schriftlich, dass es so nicht weitergehen könne. Wein und Bücher würden den Haushalt ruinieren, auch am Briefporto müsse gespart werden. Dagegen sparte Goethe am Personal kräftig. Seine Kammerjungfer musste sich bei freiem Logis und
freier Kost mit 12 Talern im Jahr begnügen.

Goethe und das Geld Goethe und sein Lebensstil

Es ist bemerkenswert, dass Goethe auch Lotto gespielt hat, selbst als er schon zu Wohlstand gekommen war (ungeachtet des anstehenden Erbes von seinem Vater). Hier müsste man wohl sagen: trotzdem er finanziell durchaus gebildet war – Adam Smith und der Wohlstand der Nationen war ihm zum Beispiel ein Begriff. Sein Los mit der Nr. 7666 der Hamburger Staatslotterie hat im Jahr 1797 offenbar dann auch nichts gewonnen.

Die finanzielle Bildung war beruflich so bedingt wie notwendig. Sachsen-Weimar-Eisenach war nämlich hoch verschuldet und Herzog Carl August dachte über die Einführung von Papiergeld nach. Goethe hielt davon wenig: er hatte die Befürchtung vor Inflation und riet deshalb davon ab. In seinem Gutachten schrieb Goethe: „Jeder Münzfuß, er sey welcher er wolle, muß fest seyn.“

Dies verarbeitete er auch im zweiten Teil des Faust:

Mephisto:

Wo fehlt´s nicht irgendwo auf dieser Welt?
Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.

Kaiser:

Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn.

Mephisto:

Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr;
Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.
Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen? 

Kanzler:

Zu wissen sei es jedem, der´s begehrt:
Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.

Goethe, in: Faust II

Noch 1795 gibt Goethe für die Schätzung der Kriegssteuer ein Vermögen von Null an. 1807 werden 4.600 Taler angegeben. Es gelingt ihm im Laufe der Zeit durch geschicktes Verhandeln immer höhere Buchhonorare zu erhalten. Seine 60-bändige (!) Werkausgabe letzter Hand verkauft er wenige Jahre vor seinem Tod für 65.000 Taler, das 20fache seines extrem guten Beamtenjahresgehalts oder in heutigen Werten etwa 2,5 Millionen Euro. Ein vollständiges Exemplar dieser Werksausgabe ist heute allein mehrere Tausend Euro wert. Goethe hinterlässt bei seinem Tod im Jahr 1832 ein Vermögen von 149.665,5 Gulden, das zu 59 Prozent aus Staatsanleihen besteht, wobei es zu beiden Angaben zum Teil unterschiedliche Angaben gibt. Man schätzt den heutigen Wert auf etwa 7 bis 17 Millionen Euro

Bringst du Geld, so findest du Gnade; sobald es dir mangelt, Schließen die Türen sich zu. 

Goethe, in: Reineke Fuchs

Schade ist aus unserer Sicht, dass es natürlich nicht allzu viel Schriftliches dazu gibt, wie Goethe sein Geld verwaltet hat und wie und welche Kapitalanlagen er wählte. Goethes Großvater hielt das Vermögen vor allem in bar und in Immobilien sowie Wein. Goethes Vater war dagegen schon risikofreudiger und reduzierte den Anteil des Bargelds und der Immobilien und legte um 1770 in Frankfurter Hypothekarkrediten und in Privatkrediten an. Die Zinsen betrugen 3 bis 5 %. Goethes Mutter reduzierte Barbestand und Immobilien noch weiter und legte u.a. in den Finanzinnovationen des späten 18. Jahrhunderts an, den Teilschuldverschreibungen (Partialobligationen), was wohl lediglich der heute gebräuchlichen Stückelung des Gesamtanleihebetrags entspricht. Ende des 18. Jahrhunderts begann an der Frankfurter Börse der Handel mit Staatspapieren und die Frankfurter Börse war bis weit in das 20. Jahrhundert vor allem für den Anleihehandel bekannt, während die Berliner Börse lange Zeit die führende Aktienbörse war.

Goethe selbst erbte diese Staatsanleihen im Jahr 1808, verkaufte sie aber spätestens ab 1812, nachdem er sich 1810 mit Bekannten über die Werthaltigkeit österreichischer und sächsischer Staatsanleihen ausgetauscht hat. Goethe verkaufte mit erheblichem Verlust. Goethe verkaufte auch die Frankfurter Hypothekarkredite ab 1817, da er aus Kostengründen auf sein Frankfurter Bürgerrecht verzichtete, das Voraussetzung für diese Investition war. Erneut verkaufte Goethe mit Verlust, allerdings konnte er aufgrund der Vereinbarungen des Wiener Kongresses sein Geld immerhin steuerfrei aus Frankfurt abziehen.

Erfolgreicher war Goethe bei der Immobilienspekulation. Er kaufte 1798 nach einiger Vorbereitung in Immobilienfragen das Landgut in Oberrossla – unbesehen – für 13.000 Taler. Grund war unter anderem sein Interesse an Landwirtschaft, daneben Spekulationsmotive: die Konjunktur lief zu diesem Zeitpunkt schlecht und er rechnete kriegsbedingt mit steigenden Preisen. Daran sieht man, dass zu Zeiten Goethes noch ganz andere Erwägungen notwendig waren, als sie für uns heutzutage nach siebzig Jahren Frieden überhaupt denkbar wären. Goethe verkaufte fünf Jahre später wegen fortgesetzten Ärgers mit den Pächtern für 15.500 Taler und strich immerhin ein Beamtenjahresgehalt an Gewinn ein.

Die Erlöse legte er vor allem in späteren Lebensjahren in Immobilien und Anleihen der Weimarer Kammer an, übrigens in einer Zeit, als die Banküberweisung noch „Geldübermachung“ hieß. Goethe war ein Freund von realen Werten, auch Wein als Erkennzungszeichen des Bürgertums gehörte dazu. Er neigte nicht zum Risiko, weil er neben den Kriegszeiten auch Bankrotte aus nächster Nähe miterlebte. So verlor zum Beispiel Johanna Schopenhauer (die Mutter von Arthur Schopenhauer und eines der Zentren des Weimarer Kulturlebens) fast ihr ganzes Vermögen beim Zusammenbruch des Danziger Bankhauses Muhl. Goethes Vorsicht und sein market timing waren trotzdem nicht optimal, denn ab 1815 stiegen Staatsanleihen im Wert.

Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur, von dem Schicksal gegönnt ward, zu würdigen, zu erhalten, zu steigern, er greife mit allen seinen Fertigkeiten so weit umher, als er zu reichen fähig ist; immer aber denke er dabei, wie er andere daran will teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die Vermögenden geschätzt, als andere durch sie genießen.

Goethe, in: Wilhelm Meisters Wanderjahre

Fazit

Wir haben zum einen gesehen, wie Goethe überhaupt zu großem Wohlstand kam. Das war bei Goethes Großvater das Unternehmertum und – cum grano salis – die lukrativen Eheschließungen. Das war aber trotz oder gerade auch wegen des damit bestehenden Sicherheitsnetzes Gelegenheit für Goethe, sich seinen Neigungen und Anlagen entsprechend entwickeln zu können und neben der selbst schon lukrativen Beamtenkarriere noch einer der wirkmächtigsten Schriftsteller Deutschlands zu werden. Schon zu Lebzeiten wurde Goethe allein durch seine Buchhonorare Millionär. Und, das wird man in der heutigen Zeit schon nochmal bemerken dürfen: Goethe arbeitete sein Leben lang bis ins hohe Alter, obwohl er eigentlich von Beginn an qua Familienvermögens reich genug war und ohne Probleme von seinen, wie es heutzutage so schön heißt, passiven Einnahmen hätte leben können – allerdings floss ihm das Erbe auch erst 1808 zu.

Ob Goethe im Staatsdienst wirklich seine Erfüllung fand, haben wir nicht ausrecherchiert. Dennoch interpretieren wir diese Tätigkeit zum einen so, dass es ihm materielle Sicherheit gewährte; zum anderen baute er dadurch ein berufliches Netzwerk auf, das ihm sicherlich privat nutzte und es erlaubte ihm, „zu Gewinn und Verlust“ mit den Einflussreichen seiner Zeit mitzuspielen. Mit Wertpapieren war Goethe nicht sonderlich erfolgreich, obwohl er auch hier ein (nach heutigen Maßstäben) Millionenvermögen verwaltete. Überhaupt bedeutete ihm Geld kein Selbstzweck. Geld verschaffte ihm Möglichkeiten, und zwar aus Goethes Sicht vor allem Bildungsmöglichkeiten und Selbstentfaltungsmöglichkeiten.

Im Ergebnis ist Goethe sicherlich eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten, die Deutschland bis heute hervorgebracht hat. Im Eindruck heutzutage tendenziell immer leichtgewichtigerer Persönlichkeiten im Format einer Reclam-Ausgabe wird er das voraussichtlich auf absehbare Zeit auch bleiben. „Der Vater erstellt’s, der Sohn erhält’s, dem Enkel zerfällt’s“ hieß es bei Thomas Mann. Das ist bei den Goethes jedenfalls in den ersten drei Generationen gerade nicht der Fall gewesen. Goethe bleibt unangefochten Deutschlands erfolgreichster Influencer.

Und allgemeinbildend für all diejenigen, die sich schon immer gefragt haben, welchen Zweck eine Interpretation oder eine Erörterung in der Schule im Jugendalter bei einem Werk wie Faust hat, für das sein Urheber ein ganzes Leben gebraucht hat:

Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! – Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig. – Ei! So habt doch endlich einmal die Courage, Euch den Eindrücken hinzugeben, Euch ergötzen zu lassen, Euch rühren zu lassen, Euch erheben zu lassen, ja Euch belehren zu lassen und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre!

Gespräche mit Goethe, Leipzig, Band 1 und 2: 1836, Band 3: 1848, S. 655

Die Geschichte des Goethe-Missverständnisses der Deutschen ist also lang, und die Mutter der Dummen ist immer schwanger, sagt der Volksmund und Goethe führt zum Werther weiter aus:

Wie ich mich […] dadurch erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen; und was hier im Anfang unter wenigen vorging, ereignete sich nachher im großen Publikum und dieses Büchlein, was mir so viel genützt hatte, ward als höchst schädlich verrufen.

Goethe, in: Dichtung und Wahrheit

 

Hast Du Fragen, Anmerkungen oder Hinweise? Wir freuen uns auf Deinen Beitrag im Kommentarbereich!

Teile diesen Artikel, wenn er Dir gefallen hat oder er auch für andere hilfreich sein könnte! Wir freuen uns auch über jeden Gefällt-Mir-Daumen oder abonniere einfach unsere Facebook-Seite.

Eine 95%ige Steuerbefreiung für Aktiengewinne und eine Steuersatzsenkung auf 15 % für Dividenden klingen wie Musik in Deinen Ohren? Wenn Du Dich für das Thema Aktienanlage in Kapitalgesellschaften interessierst und mehr darüber erfahren möchtest, ist unser Buch Die Sparschwein-UG oder die Sparschwein-UG Betriebsbesichtigung vielleicht das Richtige für Dich! Tritt auch gerne unserer Facebook-Gruppe bei und tausche Dich mit Gleichgesinnten aus!

Aktueller Marktüberblick Geschäftskonten

Aktueller Marktüberblick Depots

Unser Weg in die UG & atypisch Still

Warum Du früh 100.000 Euro Depotwert erreichen solltest

Die Sparschwein-UG - Aktienanlage im Gesellschaftsmantel

Das Atypisch Still Finanz-Setup

* Mit einem Sternchen gekennzeichnete Verlinkungen sind Partnerlinks, bei denen wir eine kleine Vergütung erhalten. Für Dich entstehen dabei keinerlei zusätzliche Kosten, es unterstützt uns aber dabei, den Blogbetrieb zu refinanzieren. :-)

Risikohinweis: Investieren beinhaltet das Risiko von Verlusten bis hin zum Totalverlust.

2 Comments

  1. Steffen
    12.03.2021

    Wow, was für ein interessanter Beitrag! Da wird es Zeit, dass den einmal jemand mit einem Kommentar würdigt. 🙂
    Wie bist du auf die Idee zu diesem Beitrag gekommen?

    Vielen Dank übrigens für deinen inspirierenden Blog und mach weiter so!

    Antworten
    1. Atypisch Still
      28.03.2021

      Hi Steffen,
      Danke für den freundlichen Kommentar! 🙂 Wir interessieren uns generell für Themen, die nicht alltäglich auf anderen Finanzblogs behandelt werden 😉

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll to top