Im Auge des Sturms

Zeit für ein Update mitten im Corona-Sturm: wo stehen wir, was tun wir, was tun wir gegebenfalls auch nicht?

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Wir haben uns die letzten Wochen extra etwas zurückgehalten mit Äußerungen zur Situation, da wir so viel auch selbst nicht an Erhellung beitragen können. Wir sind natürlich weder Virologen noch Epidemiologen. Wir halten sowohl die politisch ergriffenen Maßnahmen für wenig zielgenau und oftmals überschießend, andererseits aber auch die Ansichten derer, die die Maßnahmen für überschießend halten, oftmals für ebenfalls weit überschießend und bisweilen emotionalisiert.

Es ist besorgniserregend, dass nach 2015 erneut eine starke Bipolarität der Meinungen im Lande zu verzeichnen ist. Wir sind Verfechter des Meinungspluralismus. Allerdings wird man wohl bescheinigen können, dass die beiden Lager einander oft recht unversöhnlich gegenüberstehen. Weiß oder Schwarz, Grau ist schwierig. Wir leben also nach wie vor nicht in der Wissensgesellschaft, sondern in der Dissensgesellschaft. Und fehlende Konsensfähigkeit ist immer auch der Ursprung von Radikalisierung.

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Und worüber man auch geschrieben hätte, am nächsten Tag ist es eh schon wieder anders. Das betrifft die Rekorde an den Märkten, die politischen Maßnahmen und die Auswirkungen in der Realwirtschaft.

Was können wir also sagen? Zunächt einmal so viel: nachdem wir Ende Februar – im Rückblick sinnvoll – auf der Verkaufsseite unterwegs waren, sind wir jetzt selektiv wieder auf der Kaufseite unterwegs. Sind wir also schon im Aufschwung? Keine Ahnung. Ist das nur eine Zwischenerholung im übergeordneten Bärenmarkt? Wissen wir nicht. Weil wir die Dinge auch nicht besser wissen, als alle anderen, gehen wir in Trippelschritten vor und beobachten einfach, was passiert. Wir haben ausdrücklich keine Kurserwartung, weder konkret nach unten noch konkret nach oben. Wir beobachten und warten, was passiert. In fünf Jahren wird man wahrscheinlich wieder sagen: hätt‘ man damals mal so richtig… Was wir aber wissen ist: wir haben sicherlich eine Wahrscheinlichkeit von 50 % +/- x %, dass die Kurse fallen. Wir haben aber andererseits auch eine Wahrscheinlichkeit von 100 %, dass wir in Zukunft wieder neue Höchstkurse sehen werden. Wie viel billiger man also einkauft, ist mangels Voraussehbarkeit der Kursentwicklung deshalb unseres Erachtens nicht so relevant. Wichtig ist nur, dass man überhaupt billiger einkauft. Am einzigen Markt weltweit, auf dem die Käufer bei günstigen Preisen einen Kauf scheuen und bei hohen Preisen so richtig zugreifen, wohlgemerkt.

Wo haben wir nachgekauft? Da wird sich der ein oder andere jetzt sicherlich die flache Hand auf die Stirn klatschen. Zum Beispiel im Kreuzfahrtsektor. Hier haben wir bei Carnival Corp. ordentlich nachgekauft. Es gibt ja verschiedene Kreuzfahrtlinien zur Auswahl und bei Carnival fanden wir auch die Bilanz nicht so schlecht. Ein Blick in die Bilanz ist übrigens generell ein guter Hinweis auch an Aktieneinsteiger. Wir sind bei Facebook Mitglied verschiedener Aktiengruppen und hier wird die Anlageentscheidung gefühlt vor allem auf der Basis im Stille-Post-Verfahren „verfakteter“ Meinungen getroffen, bei der die angeführten Quellen bestenfalls von DerAktionär.de kommen.

Das ist ein Ansatz, den wir von Grund auf nicht teilen. Es ist ein bisschen wie in der Wissenschaft. Da zählt auch nur die Primärquelle, und die Sekundärquelle hat bereits den Ruch den Mangelhaften. Genau das gleiche muss man sich auch im Investmentbereich angewöhnen. Die beste Orientierung gibt nun einmal ein Jahres- oder hilfsweise ein Quartalsabschluss und der Lagebericht des Vorstands, die Insider-Käufe des Vorstands und die Pressemeldungen. Die Kunst des Investierens besteht dann darin, zu erkennen, wann die Primärquelle alternative Fakten präsentiert, die sich mit der Realität nicht decken, was in erster Linie eine Frage von Erfahrung und Menschenkenntnis ist. Wir sind übrigens generell bei vielen unserer Unternehmen im IR-E-Mail-Verteiler und erhalten dann aus erster Hand die entsprechenden Informationen.

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Aber zurück zu Carnival. Wir würden davon ausgehen, dass die opulente Dividende absehbar in voller Höhe gestrichen wird. Des Weiteren gehen wir von einem verlorenen Jahr 2020 aus. Allerdings weiß man ja nicht, wohin der Kurs geht, sodass wir den 80%igen Abschlag einfach jetzt schon einmal mitgenommen haben. Natürlich ist auch eine Insolvenz möglich. Allerdings muss man auch den weltweiten Willen aller Beteiligten sehen, die Pandemie soweit wie möglich unter eine gewisse Kontrolle zu bekommen und wirtschaftliche Aktivität wieder zuzulassen. Unsere Arbeitshypothese ist folglich, dass irgendwann wieder Kreuzfahrtschiffe fahren werden, mit der Glaskugel betrachtet vermutlich ab 2021. Sobald Corona medizinisch abgehakt ist, gehen wir auch davon aus, dass der bislang bestehende Trend zu Kreuzfahrten wieder Fahrt aufnimmt und die Aktie dann Freude macht. Für 2021 gibt es derzeit ermutigende Buchungszahlen.

Auch bei Flugzeugbauern haben wir eingekauft: Boeing, Airbus und MTU. Warum dort? Bei Airbus und Boeing halten wir das faktische Duopol für attraktiv. Boeing hat natürlich seine eigene Probleme seit dem Baupfusch. Airbus dafür mit Korruption und Geldwäsche. Pest oder Cholera also, und wir haben uns für beides entschieden. Fluglinien würden wir dagegen nicht mit der Kneifzange anfassen. Viel wird ja derzeit davon geschrieben, dass nach Corona „nichts so sein wird, wie es mal war“. Wir wollen uns dem so pauschal nicht anschließen. Im Gegenteil glauben wir, dass sehr viele Basistrends ungebrochen bleiben werden. Hier aus unserer Sicht insbesondere der Flugtourismus. Die Fernreise ist nicht tot. Definitiv nicht. Flugscham ist zwar ein Begriff, der gerne durch die Medien geistert. In praxi halten wir dieses Phänomen aber für überschätzt. Darüber hinaus hat man in der gegenwärtigen Krise auch gesehen, wie wichtig Luftfracht im Zweifel sein kann. Ohne Luftfracht aus China wären sicherlich weitaus mehr Lieferketten zusammengebrochen.

Außerdem haben wir mit Hypoport, Partners Group und Corestate drei Werte zurückgekauft, die wir Ende Februar – teurer – verkauft haben. Erstmalig dabei sind wir bei Adidas. Aufgestockt haben wir Aroundtown Property Holdings und Alteryx. Mit Minimalpositionen haben wir Main Street Capital und Newtek Business Services um knapp die Hälfte billiger zurückgekauft. Um mehr als die Hälfte billiger haben wir die beiden REITs Simon Property Group und VEREIT bekommen. Des Weiteren haben wir die Ölpreiskrise genutzt, um unsere Pipelinebetreiber Kinder Morgan und ONEOK sowie den Ölkonzern Shell aufzustocken. Hinsichtlich der Standardwerte sind wir bei Walt Disney und Coca-Cola zu guten Preisen eingestiegen. Neu dabei sind außerdem CTS Eventim und Booking Holdings. Wie man sehen kann, sind wir ungefähr zur Hälfte in ausgebombte Werte und zur anderen Hälfte in einfach nur billiger gewordene Werte, die aber nicht zu den Katastrophenbranchen zählen.

Für die US-Werte ziehen wir für unsere überblicksweise Beurteilung und Nachverfolgung von Titeln bevorzugt Seeking Alpha (als Sekundärquelle, die aber immer auch die Originalquelle verlinkt 😉 ) heran. Vor allem im REIT- und BDC-Bereich gibt es profilierte Autoren, die sich über die Jahre beeindruckende Branchenexpertise aufgebaut haben. Als Beispiel genannt sei hier beispielsweise Brad Thomas als SWAN-Experte (sleep well at night-Aktien). Für die deutschen Werte halten wir uns bekanntlich überblicksweise über die in readly verfügbaren Börsenzeitschriften auf dem Laufenden. Hier sei vor allem Euro am Sonntag genannt. Deren Problem ist ja, dass in jeder Ausgabe gefühlt raumgreifend vor allem DAX- und andere Standardtitel behandelt werden. Das ist ja auch in Ordnung, denn auch bei Standardwerten schadet es nicht, informiert zu bleiben.

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Worauf wir jedoch schielen sind die ausgebombtesten Branchen, die abgestürztesten Aktien und genau hier die Analyse, welche Unternehmen dennoch über ein tragfähiges Geschäftsmodell verfügen und deshalb nach der Krise wieder ein Mehrfaches wert sein könnten. Aktuell titelt Euro am Sonntag, die nunmehr skandalöserweise freitags erscheint, mit „Megatrend Medizin“. OK, nicht komplett themenfremd in der aktuellen Situation. Aber wann, wenn nicht in Krisenzeiten, wäre es an der Zeit, vorrangig verbilligte Aktien zu analysieren? Eine Krise dauert in der Höchstphase oft nur wenige Wochen. In diesen Wochen kann es eigentlich nur heißen: Analysen, Analysen, Analysen, gerne auch mit Sonder- und Ergänzungsbeilagen, gerne auch gegen Aufpreis. Im Einkauf liegt der Gewinn und in diesen Wochen kann unbezahlbarer Mehrwert für jeden Leser geschaffen werden.

Wir erwarten jetzt einzelne weitere Kaufgelegenheiten mit der Vorlage der Quartalsergebnisse. Wie üblich und jetzt noch verstärkt zählt dabei in der Regel nicht das Ergebnis, das im letzten Quartal tatsächlich erreicht wurde, sondern allein der Ausblick. Bombenkrater sind dabei insbesondere bei allen Anbietern sozialen Konsums zu erwarten. Das heißt: Einzelhandel, Gastronomie, Unterhaltung, Tourismus, Hotellerie, als Zweitrundeneffekt dann auch Immobilienvermieter und Kreditgeber. Dagegen sind aus unserer Sicht vor allem ölbezogene Investitionen aussichtsreich, von denen wir erwarten, das sie die ersten sein werden, die vom Wiederhochfahren der Wirtschaft profitieren sollten. Während der Preiskrieg, die vollen Lager und die Weltrezession in den Preisen schon enthalten sein sollten und die Ausblicke im Ölsektor eher schneller besser werden sollten. Aber wie man sieht: viel Konjunktiv, und viel Konjunktiv heißt wenig harter Wert. Wir legen hier lediglich unsere Arbeitshypothesen dar, denn irgendeine Vorstellung von der Zukunft sollte man sich schon (selbstständig!) formen. 

Wir sind mit dem Wertpapierkredit bislang gut durch die Krise gekommen und eine Margin-Call-Gefahr ist ausgeschlossen. Des Weiteren haben wir Werte zu (Börsen-)Krisenbeginn teuer verkaufen können und anschließend billiger (zurück)kaufen können. In Summe halten wir das für ein zufriedenstellendes Ergebnis mit dem wir – die Indizes wieder auf Vorkrisenniveau unterstellt – kein Geld verloren haben. Ob unsere Entscheidungen dagegen „richtig“ oder „falsch“ waren, halten wir in dieser Situation für die falschen Kategorien und für eine nicht zielführende Diskussion. Ein unbestreitbarer Nachteil ist nun, dass wir geringer gehebelt mit geringerer laufender Rendite und mit geringerem Wertsteigerungspotential unterwegs sind, was gleichzeitig auch als Vorteil betrachtet werden kann. Vor allem unter Berücksichtigung dessen, dass wir auf Sicht von einigen Jahren eine Ausgabendeckung durch Dividenden beabsichtigen und wir uns bis zu diesem Zeitpunkt ohnehin weitgehend entschulden wollen. Das ist mit einem reduzierten Wertpapierkredit leichter. Das Thema Dividenden selbst ist jedoch zumindest für 2020 weitgehend abzuhaken.

Außerdem wurde die Portfoliozusammensetzung ordentlich durchgeschüttelt. Dieses Thema ist vor allem vor dem Hintergrund der Verarbeitung in der Buchhaltung (und später in der Steuererklärung) unserer Sparschwein-UG zu sehen. Erst die Verkaufswelle, dann die Käufe. Das war einiges an administrativem Zeitaufwand. Und hat für uns tatsächlich einen enormen Disziplinierungseffekt. Wir sind von Natur aus schon von Buy & Hold überzeugt und deshalb dem Handeln abgeneigt. Wenn zur Abneigung aber auch noch nicht unerheblicher Aufwand kommt, dann kostet jede Transaktion ein Mehrfaches an Überwindung.

Kommen wir von unserer Gesellschaft zu den Corona-Hilfsmaßnahmen des Staats. Der Vorteil einer eigenen vermögensverwaltenden Gesellschaft ist, dass man dem Grunde nach von solchen Hilfsmaßnahmen profitieren könnte, während gleichzeitig jeder Anleger ohne eigene Gesellschaft davon schon vorab ausgeschlossen ist. Das führt uns wieder vor Augen, dass es alleine deshalb schon Sinn macht, eine eigene Gesellschaft zu verwalten, um im Fall der Fälle eine größere Auswahl an Handlungsoptionen zu haben. Kaufe ich mir den Computer privat oder könnte ich ihn auch beruflich brauchen und somit in der Gesellschaft kaufen? Kaufe ich den Computer erst im nächsten Jahr und kann in einer Gesellschaft möglicherweise den Investitionsabzugsbetrag in Anspruch nehmen und den Aufwand schon in dieses Jahr vorziehen? Kaufe ich die Aktie privat oder ergeben sich bei einem – zulässigen – Aktienkauf in einer Gesellschaft Vorteile, die der Private nicht hat? Das attraktive Leasingangebot gilt nur für Gewerbeleasing – kann die Gesellschaft gegebenenfalls leasen und dem Gesellschafter weitervermieten? Das sind alles Teilaspekte, die man einmal betrachten kann. Optionen (und damit sind nicht die Finanzinstrumente gemeint) zu haben ist immer empfehlenswert.

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Leider kommen wir zum Ergebnis, dass wir die Voraussetzungen für Corona-Staatshilfen nicht erfüllen. Oder mindestens den Antrag nicht guten Gewissens abgeben könnten, weil es der Gesellschaft nicht schlecht geht. Zu denken ist bei der Führung einer juristischen Person, die sich ja nicht selbst führen kann und deshalb eines Geschäftsführers bedarf, auch an Haftungsfragen. Dann wäre die ganze schöne Haftungsabschirmung innerhalb der Gesellschaft für die Katz, wenn der Geschäftsführer pflichtwidrig falsche oder fehlerhafte Staatshilfeanträge einreicht und dafür im Nachhinein belangt werden kann. Und natürlich kann man auch einfach an das schöne Zitat von Josef Ackermann denken, der sich geschämt hätte, wenn er in der letzten Krise Staatsgeld angenommen hätte. 

Soweit für heute als kleiner Zwischenstand. Schreib uns im Kommentarbereich, in welchen Branchen Du auf Shopping-Tour bist! 🙂

 

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13 Comments

  1. Tobias
    23.04.2020

    Immer wieder schön eure Texte zu lesen. Mich stimmt es leider auch traurig, dass wir uns immer weiter von der Wissensgesellschaft entfernen.

    Ich habe die Zeit genutzt um günstig MBB und Wirecard aufzustocken, welche ich zu den langfristig attraktivsten deutschen Aktien zähle. Darüber hinaus kamen noch Wastemanagement und Nutanix hinzu, sowie eine kleine Position StoneCo und Ping An Health. Die letzten 3 sind zwar recht spekulativ, bedienen aber sehr aussichtsreiche Trends. Grüße und weiter so

    Antworten
  2. magyc
    26.04.2020

    Hallo… zunächst Kompliment für Euer Blog. Mir gefällt der sachliche Stil und dass es nicht nur Behauptungen und Meinungen gibt, sondern auch Begründungen. Zum Thema: Die Strategie jetzt tranchenweise in den Markt (zurück) zu gehen ist m.E. völlig richtig, jedenfalls auf mittel- bis langfristige Sicht. Allerdings je mehr