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Das geopolitische Risiko

Im Osten nichts Neues – so auch beim Atypisch Still Blog. Der russische Zivilisationsbruch überlagert derzeit auch bei uns alles (sodass wir Artikel über vergleichsweise unbedeutende Nebenthemen zunächst einmal aufgeschoben haben) und auch unsere Geldanlage. Das bedeutet freilich nicht, dass wir panisch herumhandeln oder verkaufen.

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Wir haben im letzten Artikel beschrieben, dass wir das Depot (am 28. Februar) mit Put-Optionen abgesichert haben, um uns in Anbetracht der brisanten Lage weitestgehend risikofrei zu stellen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem der DAX noch nicht viel verloren hatte. Dies war für die ersten Kriegstage offensichtlich auch eine gute Entscheidung.

Die Absicherung wurde aufgrund des höheren Abwärtspotentials sowie der höheren zu erwartenden Volatilität über DAX-Optionen durchgeführt und umfasste etwa 100 % des Depotwerts, sodass bei Abstürzen in historischem Ausmaß Verluste komplett ausgeglichen oder überkompensiert worden wären. Bei einer Glattstellung im Tief wären dann auch massive Nachkäufe möglich gewesen. Das war eine der Varianten. Die Hauptvariante war aber die bloße Wertsicherung vor der anstehenden Phase außergewöhnlicher und historisch neuartiger Unsicherheit, nicht vorrangig die Umwandlung in Nachkaufpotential.

Die maximalen Marktverluste bewegten sich beim DAX dann etwa bei lediglich 13 % seit Kriegsbeginn, sodass eine Wandlung der Optionsgewinne nicht lukrativ genug war. Wir ließen die Optionen stehen und haben sie mit kaum Wertverlust am 16. März aufgelöst, nachdem sich die Märkte beruhigt haben, weil Fortschritte bei den Verhandlungen der Kriegsparteien gemeldet wurden – die sich bisher im Rückblick allerdings als weniger substantiell herausgestellt haben. Überraschen muss der vermeintlich geringe Rückgang des DAX nicht, denn Kriege sind nicht notwendigerweise schlechte Börsenzeiten

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Seitdem beherrscht die Unruhe des Kriegs auch die Märkte. Es fehlt allerdings – ja doch etwas überraschend – an einer signifikanten Eskalationsspirale Russlands gegenüber dem Westen, insbesondere wurden die Drohungen gegenüber dem Westen nicht weiter verschärft und die Frequenz der Drohungen nicht erhöht, nachdem man bereits mit sehr hohem rhetorischen Einsatz den Krieg begonnen hat. Vielmehr scheint Russland in der Praxis militärisch bislang zu akzeptieren, dass der Westen als passiver Unterstützer auftritt.

Krieg ist nicht mehr die ultima ratio, sondern die ultima irratio.

Willy Brandt

Dies vor dem Hintergrund, dass in den umfangreichen Hilfestellungen des Westens genügend militärische Eskalationsgründe gefunden werden könnten, die gegenüber anderen russischen Behauptungen sogar einer faktischen Grundlage nicht entbehren würden. Deutschland sitzt jedenfalls, wie in unserem ersten Artikel zum Krieg beschrieben, fraglos mit am Tisch. Die ausgebliebene Eskalation war für uns ein mitentscheidender Grund dafür, die Absicherungen wieder aufzulösen.

Das bedeutet natürlich in keiner Weise ein Signal der Entspannung. Allerdings haben wir den unmittelbar bevorstehenden bodenlosen Börsenabsturz aufgrund einer laufenden Eskalationsspirale bis zu den äußersten Mitteln nicht mehr ausmachen können. Ob die rationale westliche Einschätzung einer hoffentlich beiderseitig bestehenden Einsicht in die Tatsache zutreffen mag, dass im Gleichgewicht gegenseitiger atomarer Auslöschungsmöglichkeiten der irrationale atomare Erstschlag einem sicheren Selbstmord gleichkommt, bleibt leider fraglich. Allerdings ist jeder Tag, an dem sich diese Frage letztlich doch nicht gestellt hat, ein guter Tag und bietet Anlass zur Hoffnung.

Abseits aller Geldanlage ist es natürlich betrüblich, mitzuverfolgen, wie sich in Parallelität zur eigenen Historie die Barbarei des 20. Jahrhunderts in einem Land wiederholt, das es hätte besser wissen können. In einer Weise, die keinen historischen Vergleich mehr als unangemessen erscheinen lassen. Russland katapultiert sich selbst zurück ins Mittelalter – wenn auch nicht notwendigerweise aufgrund der ökonomischen und finanziellen westlichen Sanktionen. Der Spiegel hat die derzeitige Zukunft Russlands in den ersten Kriegswochen mit „Kim Jong Putin“ treffend umschrieben. Wer Solowjow und Konsorten im russischen Staatsfernsehen zusieht, weiß auch, dass es mitnichten so ist, dass es nur ein Krieg Putins oder der russischen Eliten ist, sondern das Volk – apolitisch oder nicht – eingeweiht ist. Sicherlich mit dann nicht mehr der Wirklichkeit entsprechenden medial transportierten Erfolgen.

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Dem wäre dann aber auch schnell zu entnehmen, dass es selbstverständlich nicht die NATO vor den Grenzen oder andere Imaginationen sind, die den Kriegsgrund bilden und die im Westen mitunter auch gerne „verstanden“ werden, sondern schlichter Imperialismus. Das flächenmäßig größte Land der Erde ist sich nicht groß genug. Ein einziger Mensch hätte es in der Hand, den Wahnsinn von heute auf morgen zu beenden. Festzustellen ist, dass wenn ein Land eine Entnazifizierung nötig hätte, dann wäre das sicherlich zuerst Russland. Das, nebenbei bemerkt, ebenfalls schon nicht ohne historische Schuld ist, denn irgendjemand ist ja 1939 von Osten aus in Polen einmarschiert. Der Untergang der Sowjetunion ist von Russland offenbar analog Versailles empfunden worden und soll nun korrigiert werden. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

Zurück zur Geldanlage hat uns die Absicherung jedenfalls über drei Wochen lediglich etwas unter 0,1 % des Depotvolumens gekostet, was günstigerweise vor allem aus der uns zugutekommenden stark gestiegenen impliziten Volatilität resultierte. Bei einzelnen zurückgekommenen Preisen greifen wir auch selektiv auf der Kaufseite zu.

Wie es nun weitergeht weiß natürlich niemand genau. Absicherungen bleiben situationsabhängig auf dem Tisch der Handlungsoptionen. Üblicherweise sollten Aktieninvestoren Schwankungen aber schlicht aushalten.

Auf dem Tisch ist nun auch endgültig das Thema Inflation, das natürlich auf diesem Niveau schon ein Problem darstellt. Es gibt ja viele Klugscheißer da draußen, die das schon immer gewusst haben wollen. Aus unserer Sicht wäre es nach wie vor so, dass die Inflation bis zum 23. Februar 2022 selbstverständlich auf Wiederanlaufeffekte und Lieferkettenstörungen zurückzuführen war – neben der offensichtlich schon im Jahr 2021 begonnenen russischen Manipulation der Energiepreise und Gasspeicherfüllstände. Wir bleiben bei der Überzeugung, dass die Inflation ohne Putins Krieg wieder rückläufig gewesen wäre.

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Es ist aber müßig, jetzt hätte-wäre-wenn zu diskutieren. Der Krieg ist nun einmal da und die Inflation ein Fakt und nun wohl auch ein ständiger Begleiter. Eine Inflation von 7 % wird mit Sicherheit Zweitrundeneffekte bei den Lohnverhandlungen haben und damit wäre man dann auch endgültig in der befürchteten Lohn-Preis-Spirale, die eigentlich zu Inflation führt. Die EZB wird dem Vernehmen nach die Anleihekäufe im Juli einstellen und zeitnah im Anschluss die Zinsen anheben. Angemerkt sei, dass trotz des Krieges die Inflation nicht aus einer Nachfragesteigerung resultiert, sondern auf Angebotseffekte zurückzuführen ist.

Ein Zurückführen der Inflation in dieser Situation durch Zinsanhebungen wäre dann nur durch Lähmung der ohnehin nicht heißgelaufenen Wirtschaft möglich. Das heißt im Ergebnis, dass nur eine steigende Arbeitslosigkeit zu einer sinkenden Inflation führen sollte. Der Arbeitsmarkt ist aktuell jedoch in der Breite dermaßen eng, dass eine signifikante Wirtschaftsschwächung durch signifikante Zinsanhebungen erforderlich wäre. Da das dann wiederum geldpolitisch nicht gewünscht sein kann, nehmen wir an, dass sich der Zinsanhebungszyklus sehr im Rahmen bewegen wird, wenn nicht sogar nach wenigen Anhebungen bereits wieder Senkungen im Raum stehen.

Nachdem die unumkehrbare Entkoppelung des Westens von russischen Energielieferungen abgeschlossen sein wird (wir würden hier von einem gar nicht allzu langen Zeitraum ausgehen), dürften sich die Inflationsraten von selbst abmildern. Die bereits erfolgte Preisinflation sollte von Dauer ein; nur die Steigerungen fallen milder aus. Schon dies ist aber ein gesellschaftliches Problem. Die Inflation dürfte vor allem die unteren, nichtspezialisierten und deshalb lohntechnisch wenig kompetitiven Schichten hart treffen, während die Vermögen der besitzenden Dezile und spezialisierten Lohnempfänger mit der Preisflut aufschwimmen und zumindest real nichts verloren gehen sollte. Das gilt selbstverständlich nicht für den unverbesserlichen deutschen Bankguthabensparer.

Ob Steuererhöhungen notwendig sein werden, was wiederum auf die Kapitalanlagerendite drücken würde oder möglicherweise die Sparfähigkeit reduzieren würde, bleibt abzuwarten. Der große Profiteur der Inflation ist nämlich der Staat selbst. Die inflationierten Unternehmensgewinne werden besteuert, die inflationierten Arbeitslöhne werden besteuert, die inflationierten Produktpreise werden umsatzbesteuert. An sich sollte am Steuersatz selbst nicht zwingend zu drehen sein. Fraglich jedoch, ob der deutsche Staat auf sämtliche Inflationstreiber Steuerzugriff hat – auf russische, im Preis gestiegene Energie jedenfalls nicht, soweit es sich um die reinen Produktkosten handelt.

Wie im letzten Artikel bereits angerissen, gibt es ein geopolitisches Risiko, das von vielen Investoren offenbar ausgeblendet wurde. Diese Fehleinschätzung ging bis hin zu grundsätzlich seriöseren Marktteilnehmer wie Andreas Beck, der nach unserem Geschmack mittlerweile ein bisschen zu oft Youtube-Interviews gibt. Insbesondere bei rufschädlichen Diskutanten aus dem Crash-Propheten-Bereich, bei denen Beck dann auch noch eingesteht, Bitcoin gekauft zu haben – würde man ihm die glaubhafte schlichte Neugier nicht abnehmen, wäre das seine Bankrotterklärung. Beck hatte in seinem „Zockerdepot“ (immerhin richtig bezeichnet!) u.a. die mehrheitlich in Staatsbesitz befindlichen Aeroflot-Aktien gekauft. Beck hat offenbar den Buffet’schen Grundsatz vergessen:

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„You can’t make a good deal with a bad person.“ – Mit schlechten Leuten macht man keine guten Geschäfte.

Wir können in diesem Zusammenhang auch nur nochmals vor dem China Xi Jinpings und sog. „Investments“ in chinesischen Aktien (insb. in VIE-Strukturen) warnen. China ist Russland im Schafspelz, nur in smart – bisher.

Aus geopolitischer Sicht wird es aufgrund der gegenläufigen Interessen und der zunehmenden chinesischen Fähigkeit, ihre eigenen Interessen auch durchzusetzen, aus heutiger Sicht notwendigerweise zum Konflikt mit dem Westen kommen. Wo ein signifikantes geopolitisches Risiko ist, wird sich dieses über kurz oder lang auch materialisieren. China allerdings wird mit Sicherheit nicht so entsetzlich dumm sein, sich in eine Lage zu begeben, in der man spieltheoretisch gezwungen ist, zu gewinnen, wie Russland dies getan hat. Chinas Politik der zwei Kreisläufe zeigt auch, dass man sich längst aktiv auf eine mögliche Abnabelung von westlicher Infrastruktur und Handelsbeziehungen vorbereitet. 





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